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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ergreifender Werkekanon

MAINZ (16. Februar 2012). Das Interesse am musikalischen Leben am Dom unter neuer Führung scheint ungebrochen und bescherte der Musica sacra auch am ersten Wochenende der Fastenzeit eine gut besuchte geistliche Soiree.

Dass Domkapellmeister Karsten Storck mit „seinen“ beiden Ensembles, dem Mainzer Domchor und der Domkantorei St. Martin, bereits in kürzester Zeit zu einer musikalisch-klanglich beeindruckenden Einheit verschmolzen ist, durfte das Publikum der Konzerte im Dom ja bereits zwei Mal erleben – zuletzt mit dem stimmungsvollen Weihnachtskonzert einen Tag vor Heiligabend.

Allerdings galt das Hauptohrenmerk in diesem Konzert der Reihe „Cantate Domino“ weniger dem Leiter des Knabenchores als vielmehr seinem Nachfolger im Amt des Domkantors: Matthias Bartsch. Der 28jährige Kirchenmusiker leitet seit wenigen Wochen den Mädchenchor am Dom und St. Quintin und hatte an diesem Abend seinen ersten öffentlichen Auftritt als dessen Dirigent.

Im Gespräch mit dieser Zeitung hatte Bartsch zuvor berichtet, wie herzlich er von seinen Choristinnen aufgenommen wurde – die gute Stimmung schlug sich hörbar auch auf die Motivation der jungen Sängerinnen nieder, den musikalischen Einstand ihres Dirigenten mit besonderer Intensität zu zelebrieren: Mit jugendlicher Frische und dem eigenen, packenden Klang dieser jungen Stimmen, die wissen, was sie singen, intonierte der Chor Vertonungen des 130. Psalms, der dem Konzert auch seinen Titel gab: „Aus der Tiefe, rufe ich, Herr zu Dir“.

Ob das „De profundis“ aus den „Vesperae pro vesto sanctorum innocentium“ von Michael Haydn (1737-1806) mit der Cellistin Irmtraut Herrmann und Domorganist Daniel Beckmann, Hugo Distlers (1908-1942) „Aus tiefster Not“ mit seinen reibenden Echos oder „De profundis“ von Piotr Janczak (*1972) mit seinem eindringlich ausgesungenen Flehen – auch der Mädchenchor scheint mit seinem neuen Leiter bestens zu harmonieren und überzeugte mit sauberster Stimmführung und angenehmer Homogenität.

Gleiches galt für den diesmal vom Ostchor aus singenden Mainzer Domchor in schlanker Besetzung und für die im Westchor aufgestellte Domkantorei: Die Knaben gefielen transparent mit den alten Meistern Johann H. Schein (1586-1603) und Orlando di Lasso (1532-1594), die Domkantorei im Westchor mit Heinrich Schütz (1585-1672) und vor allem mit Heinrich Kaminski (1886-1946), hier besonders im anrührenden Solo Leonore Hesslers vor abschattiertem Tutti.

Der Bußpsalm 130 und das von der Domkantorei eindringlich intonierte lateinische „Bedenke, Mensch, dass Du aus Staub bist und zu Staub zurückkehren wirst“ von Christobal de Morales (1500-1553) zu Beginn – Domorganist Daniel Beckmann verband den spannenden Werkekanon kunstvoll: mit der Ciaconna in e (BuxWV 160) von Dietrich Buxtehude (1637-1707) und der A-Dur-Sonate von Felix Mendelssohn-Bartholdy, in der der Choral „Aus tiefster Not“ prachtvoll zitiert wird und dessen Andante tranquillo wie die Ruhe nach dem Sturm wirkt. Auch diese Werkauswahl spiegelte den Psalm 130 trefflich wider: Erst der verzweifelte Aufschrei zu Gott und dann die vertrauensvolle Gewissheit der Erlösung.

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