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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Stilistischer Parforceritt

NIEDER-OLM (23. August 2014). Es ist schon erstaunlich, welch vokale Größen die Verbandsgemeinde Nieder-Olm mit ihrer Musikschule in die katholische Kirche zu locken vermag: Im Frühjahr war es das weltberühmte Hilliard-Ensemble, das auf seiner Abschiedstournee einen Stopp in Rheinhessen einlegte; jetzt konnte man mit Unterstützung des Kultursommers Rheinland-Pfalz den nicht minder bekannten Klangkörper Chanticleer aus San Francisco begrüßen. Und der riss das Publikum nach über zwei Stunden Chorkonzert vor Begeisterung von den Kirchenbänken.

Zuvor hatte man(n) – hier singen ausschließlich Herren – sein Publikum mit auf einen stilistischen Parforceritt genommen: Von der Renaissance bis zu Chansons von Francis Poulenc, vom Madrigal eines Thomas Morley bis zum Spiritual „There is a Balm in Gilead“ und von traditionellen ungarischen Volksweisen bis zum swingenden Jazz – das Repertoire von „Chanticleer“ ist von einer unglaublichen Breite. Und dass dieses nun an nur einem Abend aufgespannt wird, stört angesichts der Güte der Darbietung nicht im Geringsten.

Denn genauso unglaublich klingt der Gesang dieser Herren: Zwölf begnadete Stimmen, die allesamt solistische Qualitäten haben, finden zu einem faszinierenden Chorklang zusammen. Sechs Countertenöre gestalten die Sopran- und Altpartien mit einer homogenen Präsenz, die an eine frische, kühle Morgenbrise erinnert, während sich die Bässe wie eine zärtliche Umarmung anhören. Dieses Ensemble hat Volumen, ohne auch nur einen Moment mit Druck zu agieren. Im Gegenteil: Selbst im stärksten Fortissimo ist der Ton gepflegt und traumhaft transparent. Der Klang trägt den Hörer wie eine Welle hinweg und ein wie aus Stein gemeißelter Schlussakkord reicht, um zu betören.

Chanticleer, benannt nach dem singenden Hahn in den „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer, wurde 1978 von Louis Botto gegründet, der mit diesem Ensemble vor allem die bis dato wenig beachtete Renaissance-Musik im Konzert aufführen wollte. Hier fühlt sich auch die heutige Besetzung zuhause: In Nieder-Olm erklingen das „Super flumina Babylonis“ in Vertonungen von Giovanni Pierluigi da Palestrina und Tomás Luis de Victoria sowie William Byrds „Civitas sancti tui“ – traumhaft schön und so vital, als hätte diese Musik keine 400 Jahre auf dem Buckel.

Heute hat Chanticleer seine stilistische Heimat in allen Epochen – und in der ganzen Welt: Französische Chansons klingen genauso authentisch wie amerikanische Gospels oder das von Zoltán Kodály arrangierte ungarische Abendlied „Esti Dal“. Die Künstler gestalten an diesem Abend so viele Stücke, dass man schwerlich einen Favoriten aus der großen Zahl an klingenden Höhepunkten nennen mag – vielleicht ja die „Vocalise“ aus Heitor Villa-Lobos‘ „Bachianas Brasileiras“ mit dem atemberaubenden Altsolo von Cortez Mitchell oder der tiefschwarze und doch samtig-weiche Bass von Eric Alatorre in „Swing Low, Sweet Chariot“.

In den Jahren 2000 und 2003 gewann Chanticleer für zwei seiner bisher 29 CDs einen Grammy Award als „Best Small Ensemble Performance“ – gemessen am frenetischen Beifall des Nieder-Olmer Publikums haben die Sänger an diesem Abend einen weiteren bekommen.

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