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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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So klingt Weihnachten eigentlich

DESHEIM – „Ave maris stella“ – mit weihnachtlicher Musik des Barock hielt das Rheingau Musik Festival mit seiner ersten Soiree in der Reihe der Weihnachtskonzerte für einen Augenblick die Hektik des Dezembers an und ließ mit dem Clemencic Consort innehalten.

Der Gegensatz zum Trubel auf dem Rüdesheimer Weihnachtsmarkt hätte größer nicht sein können: Hier Jingle bells-getränkte Zuckerwatte, Currywurst und klinge(l)nde Kassen – und ein paar Meter abseits, in St. Jakobus: Stille. Zart und nur scheinbar zerbrechlich, in Wirklichkeit aber robust und strahlend erheben sich die Stimmen von Theresa Dlouhy (Sopran) und Terry Wey (Contratenor) zum Spiel von Pierre Pitzl auf der Barockgitarre und René Clemencic am barocken Orgelpositiv: „Ave maris stella“ von Kaiser Ferdinand III. ist das erste und titelgebende Stück des weihnachtlichen Konzerts.

Lange überlegt man und wirft es dann doch in die Waagschale: das Wort „besinnlich“. Denn nichts anderes war diese Folge von 16 Kompositionen mal bekannter Meister wie Claudio Monteverdi, Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein oder Caspar Sanz und eher selten gespielter Tonsetzer wie Allessandro Piccinini, Giovanni Battista Giansetti oder Philipp Jacob Böddecker.

Im Wechsel erklangen instrumentale Sätze für Orgel, Flöte oder Gitarre sowie begleitete Arien und kleine Motetten, bei denen die beiden Vokalsolisten durch eine Harmonie beeindruckten, die in solcher Reinheit selten zu hören ist: Endete eine Zeile unisono, so verschmolzen der Sopran Dlouhys und der Contratenor Weys zu einem einzigen, ruhigen Ton. In den Parallelführungen war die Intonation makellos und wenn die Stimmen einander mit langen Vokalisen und Reibungen, perlenden Koloraturen und strahlenden Bögen bei klarer Diktion umspielten, dann bekam diese weihnachtliche Musik jenen meditativen Charakter, der durch zu viel „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ oft ein bisschen verloren gegangen ist.

Diese kontemplative Stimmung, die einzig das Klatschen des Publikums nach jedem Stück doch mehr als ein bisschen störte – ein Makel, den der Veranstalter oder die Künstler selbst sicher durch ein kurzes Handzeichen hätten verschwinden lassen können – wurde während der einzelnen und spannend unterschiedlichen Lieder auch durch das behutsame Musizieren von Pitzl und Clemencic, der auch auf Cembalo und historischen Blockflöten spielte, intensiviert. Die jungen Stimmen von Theresa Dlouhy und Terry Wey ergänzten und entsprachen dabei einander mit einer schwebenden und kultivierten Leichtigkeit, der es trotzdem nicht am intensiven Glanz und Strahlkraft fehlte.

Mal introvertiert mit Wechseln zwischen instrumental begleiteten Passagen und a cappella gesungenem Introitus bei Scheins „Magnificat“, mal volksliedhaft in „Natus est Jesus“ von Böddecker, leise verklingend im „Blandire puero“ von Bansetti oder verspielt und aufgeregt wie das von René Clemencic auf der Schalmei intonierte „Omnis mundus jucundetur“ – das erste Weihnachtskonzert des Rheingaus Musik Festivals 2008 ließ aufhorchen: auf die Musik und in sich hinein.

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