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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wahnsinn in Klostermauern mit The Consort of Musicke

NEUWIED – Was heute allgemein hin als E-Musik, also ernste Musik, gehandelt wird, dem haftete im England des 17. Jahrhunderts eigentlich eher das U für Unterhaltung an. Das Festival RheinVokal hatte sich jetzt für ein Konzert in der Abteikirche Rommersdorf mit den „Mad Songs“ einen Querschnitt durch 100 Jahre englische Musik an der Schwelle zum Wahnsinn auf die Fahnen geschrieben.

Sanft fällt das Licht der untergehenden Sonne durch die Kirchenfenster und taucht die Bühne im Altarraum in ein warmes Licht, das die Scheinwerfer vorerst fast arbeitslos macht. Auf ihr geben sich vier Instrumentalisten und drei Sänger ein Stelldichein: The Consort of Musicke, das sich seit seiner Gründung vor fast 40 Jahren dem Aufspüren vergessen geglaubter Werke der englischen und italienischen Musik des 16. und 17. Jahrhunderts verschrieben hat.

Die „Mad Songs“ sind so eine Gattung: Lieder, die den Wahn in Klang umsetzen, sei es die rasende Eifersucht, der verlorene Verstand, tiefe Verzweiflung, verzückte Liebe oder auch einfach nur überschäumender Frohsinn. Im England des 17. Jahrhunderts waren diese „Mad Songs“ ein beliebtes Genre als Einlage in Theaterstücken, Opern oder schlicht als (Kunst-) Lied. The Consort of Musicke präsentiert in seinem gleichnamigen Programm einen unterhaltsamen wie kunstvollen Querschnitt.

Das Hospital of Saint Mary of Bethlehem in London ist Schauplatz der fünf Teile des Abends, in dessen Verlauf so manch gestörter Geist die Bühne betritt. In einer Zeit der Political Correctness unglaublich, aber damals besuchte man in London das „Bethlehem“, um sich an den Verrücktheiten, den Anfällen und dem Gestammel der Insassen dort zu erfreuen.

Die Künstler des Abends – Evelyn Tubb (Sopran), Andrew King (Tenor) und Simon Grant (Bass) sowie David Wright (Cembalo und Truhenorgel), David Hatcher (Viola da Gamba) und Anthony Rooley (Laute und Leitung) – gehen natürlich nicht so weit, die Handicaps der Dargestellten aufs Korn zu nehmen, weswegen sich das Publikum guten Gewissens amüsieren kann.

Werke von Henry Purcell und seinem Bruder Daniel, John Webster, Robert Johnson, John Eccles, Matthew Locke oder William Lawes beleben hier die Texte unter anderem von Thomas Durfey um Desdemona und die damals populären Figuren des Mad Tom und Maudlin. Das Publikum schreitet, von den Künstlern locker an die Hand genommen, durchs „Bethlehem“, erlebt die Wirren von Bürgerkrieg und Politik, begegnet der Gräfin von Malfi, sieht buntes Theater und wird schließlich erlöst.

Sie hat etwas, diese Mischung aus herrlich noble [sic!] rezitiertem Kunstenglisch und anmutendem Klang: Wright, Hatcher und Rooley musizieren leger und ohne Affekt, um den Vokalisten nicht die Schau zu stehlen. Ihr Können beweisen sie eher in kleinen, aber feinen Intermezzi: eine Improvisation am Cembalo, einem Prelude von Marin Marais an der Gambe und einer Air an der Laute von Henry Purcell.

Die Sänger überzeugen ebenfalls durch federleichtes und ungekünsteltes Spiel: Evelyn Tubbs Sopran kommt ohne jeglichen Pathos aus – an Leidenschaft fehlt es ihr jedoch nicht, wobei ihre warme Stimme der einer Mutter an der Wiege des Kindes gleicht, wenn sie im Pianissimo, aber stets präsent von der Liebe singt. Der Bass Simon Grants besticht durch eine kühl strahlende Tiefe, die sich ohne Mühe auch ins baritonale Register aufschwingt und ihre Ergänzung im schwerelosen Tenor von Andrew King findet. Wenn sie am Ende eines jeden „Akts“ ein Terzett anstimmen, dann duldet ihre Homogenität keinen Widerspruch.

Die „Handlungen“ auf der Bühne werden dabei durch dezente Kostümierung und kleine Accessoires trefflich illustriert, so dass man nicht selten das Gefühl hat, die Monty Pythons feierten ihr Comeback: Simon Grant mit der ernsten Mimik eines John Cleese, Andrew King als umtriebiger Michael Palin und Evelyn Tubbs hat tatsächlich etwas von Denise Coffey, die Ende der 1960er im Python-Vorgänger „Do not adjust your set“ die BBC unsicher machte. So ziehen 100 Jahre Wahnsinn in der englischen Musik im Zeitraffer an einem vorüber und die Künstler des Abends verwandeln das E ohne Probleme in ein U.

Der Mitschnitt dieses Konzerts wird am 3. November 2008 von 20.03 bis 22 Uhr im Programm SWR2 im Rahmen der RheinVokal-Radiowoche gesendet.

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