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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Musik wie von Rizzi gemalt

MAINZ (25. September 2014). Wo jetzt wieder musikalische Klänge durch den Saal wogen, war bis vor Tagen noch die unterhaltsame Ausstellung des 2011 verstorbenen Pop-Art Künstlers James Rizzi zu bestaunen. Wer diese Werkschau besucht hatte, fühlte sich während des Konzerts des David Gazarov Trios im Frankfurter Hof vielleicht ja an das Gesehene erinnert.

So wie sich Rizzi auf spielerische Art seiner Heimatstadt New York annahm und ihr mit der filigranen Figürlichkeit seiner Collagen ein knallig buntes Denkmal setzte, gehen auch die Künstler des Abends die Musik an und kolorieren E-Musik mit coolem Ton.

„Bachology“ heißt das aktuelle Programm und David Gazarov greift hier die Idee Jacques Loussiers auf, den Jazz in barocken Werken zu ergründen. Ihm sind mittlerweile zahlreiche Künstler gefolgt, darunter Thomas Gabriel, Claude Bolling, Bill Evans oder George Shearing: Sie alle nehmen ihre Instrumente wie Wünschelruten zur Hand, um die swingende Ader in der Alten Musik zu finden.

Gazarov aber will mehr als klassischen Melodien jazzige Beats zu unterlegen: „Bach, Mozart, Chopin – alle waren mal zeitgenössische Komponisten“, erzählt er: „Und sie sind bei mir, wenn ich improvisiere.“ Am besten geht das natürlich mit Variationen: In Bachs Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ hört man zuerst nur den Cantus firmus mit Generalbass, dann treiben die Drums den Satz marschmäßig voran; im dritten Durchgang steht nur noch das harmonische Grundgerüst und auch das wird mit Verve zum Einsturz gebracht, wenn sich Gazarov und seine exzellenten Musiker (Meinhard „Obi“ Jenne am Schlagzeug und Mini Schulz am Bass) treiben lassen.

Das funktioniert immer – in Bachs Italienischem Konzert, wo der Bass anfangs streng colla parte mitläuft und dann sportlich ausbricht, mit Chopins Minutenwalzer oder einer Adaption von Gounots „Ave Maria“, das Gazarov dem eigenen Stück „The Only Hope“ zu Grunde legt: Aus dem klanglichen Nichts erhebt sich perkussives Chaos, über dem dann wiederum die süße Melodie schwebt. „Überall Kriege und Katastrophen – aber Gott liebt diese Welt. Warum, weiß ich nicht“, gibt der Pianist Einblick in seine Inspirationen.

Dass an diesem Abend gerade mal 40 Zuhörer den Weg in den Frankfurter Hof gefunden haben, ist äußerst schade. Doch die Musiker schaffen schnell die intime Clubatmosphäre und liefern eine perfekte Jam-Session ab. „Zu Gast“ ist hier auch der 2007 verstorbene Oscar Peterson, dessen Stücke Gazarov hingebungsvoll spielt: Mit Grandezza erklingt „Hymn to freedom“.

Solistische Brillanz und musikalischer Teamgeist stellen sowohl das Trio als auch jeden einzelnen Künstler immer wieder ins akustische Rampenlicht: Mal fliegen die Finger des Pianisten schwerelos über die Tastatur, mal liebkost er den Bechstein zärtlich – es ist wunderlich, dass der so sympathisch bescheidene Gazarov noch keine größere Fan-Gemeinde hat. Aber vielleicht ändert sich das ja: Drei weitere Auftritte hatte der Kultursommer Rheinland-Pfalz im Land organisiert – mit hoffentlich größerem Publikum.

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