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Jan-Geert Wolff

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Der Neue beim Windsbacher Knabenchor

NÜRNBERG (19. Juli 2011). Mit Spannung erwartet wurde der erste öffentliche Auftritt Martin Lehmanns als designierter Nachfolger von Karl-Friedrich Beringer im Amt des Künstlerischen Leiters des Windsbacher Knabenchores. Der noch amtierende Dirigent der Wuppertaler Kurrende gab sich während einer Pressekonferenz im Café des Nürnberger Literaturhauses gegenüber seiner Aufgabe, die er am 1. Februar 2012 antritt, offen und sympathisch neugierig: „Mit großer Vorfreude und etwas Lampenfieber.“

In Anwesenheit von Thomas A. H. Schöck, seines Zeichens Kanzler der Universität Erlangen und Vorsitzender des Kuratoriums des Windsbacher Knabenchores, Chormanager Delf Lammers und Internatsdirektor Pfarrer Thomas Miederer präsentierte Ute Baumann als Medienberaterin des Chores den neuen Dirigenten, der gerne zugab, dass es für ihn „noch etwas unwirklich“ sei, „heute hier zu sitzen“. Er empfinde es als große Ehre, dass man ihm die Leitung des Windsbacher Knabenchors anvertraue.

Dass ihn Findungskommission und Kuratorium (unter den drei Dirigenten, die zuvor aus 49 Bewerbern als qualifizierteste ausgesucht und mit jeweils einwöchiger projektbezogener Proben- und Konzerttätigkeit mit der Chorleitung betraut wurden) einstimmig als Nachfolger gewählt haben, kommt nicht von ungefähr, denn Lehmann verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: Von 1983 bis 1992 war er selber Mitglied des Dresdner Kreuzchores, engagierte sich danach in verschiedenen Ensembles als Sänger, Assistent und Dirigent (darunter der Dresdner Kammerchor, der Kammerchor cantamus Dresden und der Kinder- und Mädchenchor der Stadt Leipzig Schola Cantorum Leipzig) und wurde nach dem Studium von Chorleitung und Klavierspiel (Korrepetition und Partiturspiel) in Dresden und diversen künstlerischen Engagements im Oktober 2005 Musikalischer Leiter des Knabenchores Wuppertaler Kurrende.

Im Mai dieses Jahres hatte Lehmann mit dem Windsbacher Knabenchor eine Probenwoche mit anschließendem Konzert (Motette in St. Lorenz, Nürnberg) absolviert, während der ihm die Choristen „mit Offenheit und Musikantentum“ begegnet seien und die der Dirigent als sehr verheißungsvoll erlebt hatte. Er hofft nun, dass man sich rasch kennenlernen wird, wofür sich Lehmann vorstellen kann, in naher Zukunft partiell und hospitierend an der Probenarbeit des Chores teilzunehmen, bevor er dann am 1. Februar 2012 aktiv als Chorleiter vor das Ensemble treten wird; eine China-Tournee im kommenden Jahr und der Umstand, dass der Löwenanteil der Windsbacher im dortigen Internat lebt, sieht Lehmann hierfür ebenfalls als große Chancen.

Auf seine „große Aufgabe“ freut sich der 37-jährige also, den einerseits vor Ort ein nach eigenen Worten bestens eingespieltes Team erwartet, der andererseits aber auch weiß, dass es wohl gut eine Knabenstimmen-Generation brauchen wird, bis neben dem neuen Gesicht auch eine neue Handschrift erkennbar werden wird. Hier ist dem Dirigenten wichtig, den von Vorgänger Karl-Friedrich Beringer eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen, wobei er neben der Pflege der Bachschen Kantaten und Oratorien eigene Akzente vor allem in der Alten Musik und mit Kompositionen des 20. Jahrhunderts setzen möchte: „Alle Seiten bemühen sich um Kontinuität.“

Vor einer womöglich anstehenden Phase der Konsolidierung hat Lehmann daher auch weniger Angst, sondern sieht hierin eher die Möglichkeit, neue Wege mit und für die Windsbacher zu finden, wofür er es auch als besonders wichtig erachtet, die Nachwuchssituation weiter zu verbessern; hier kann er sich vorstellen, mit der Werbung nicht erst in der dritten und vierten Klasse zu beginnen, sondern auch schon vergleichbar begabte Erst- und Zweitklässler, bei denen sich das Singen als späteres Hobby bereits ahnen lasse, anzusprechen.

Gefragt nach „Hemmschuhen“ wie die in diesem Jahr erstmals verkürzte Gymnasialzeit (G8) und die eher suburbane Lage Windbachs hofft Lehmann auf eine gute Kooperation mit den Schulen vor Ort und betonte, dass für ihn Chor und Bildungsstätten zusammengehörten – was beide Seiten respektieren müssten. Dass Windsbach abseits eines pulsierenden Großstadtlebens weniger Ablenkung bietet, versteht der Chorleiter durchaus als Pluspunkt, wobei er die Herausforderung, den Standort dennoch erfolgreich zu vermarkten, nicht übersieht.

Als Fazit der interessanten Vorstellung darf also gelten: Martin Lehmann will selbstbewusst und mit großem Respekt vor der Leistung seines Vorgängers Karl-Friedrich Beringer in dessen Fußstapfen treten. Dass die Weichen hierfür gestellt sind, dafür sorgte in den letzten Monaten Chormanager Delf Lammers, der für Lehmann ab der ersten Lorenzer Motette am 9. März 2011 mit der erwähnten Konzertreise nach China und diversen A cappella-Auftritten unter anderem im Rahmen des Rheingau Musik Festivals, im Berliner Dom und an Bachs Todestag in der Leipziger Thomaskirche einen attraktiven Konzertplan zusammengestellt hat, der dem neuen Dirigenten genug Gelegenheit geben dürfte, sich als neuer Künstlerischer Leiter des Windsbacher Knabenchores einzuführen.
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