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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Dieter Bohlen hat gestohlen alle Hits aus Polen

MAINZ – Als sich seinerzeit Deutschlands legeres Lästermaul Harald Schmidt in seiner Late Night-Show allabendlich über die Nachbarn jenseits der Oder lustig machte, ging nach einem anfänglich peinlich amüsierten Schmunzeln eine Welle der Entrüstung durchs Land: Polen können nur klauen? Weit gefehlt: Auch sie werden bestohlen!

Zum Beispiel hat die mittlerweile auf eine große Fangemeinde blickende Familie Popolski die komplette Popmusik erfunden, damals im Plattenbau zu Zabrze. Und wurde dann Opfer gieriger Plattenproduzenten, sagt doch ein Sprichwort: Dieter Bohlen hat gestohlen alle Hits aus Polen…

Klingt komisch? Ist es auch – und zwar brüllend: Die Idee zu dieser abstrusen Geschichte, die sich hochmusikalische wie kreative Köpfe offenbar im tiefsten Vodka-Rausch ersonnen haben, ist abstrus, birgt jedoch herrlichen Aberwitz. Die Schöpfer verbergen sich hinter den „Brüdern und Schwestern im Osten“ und sind Pawel (Percussion), Mirek (Stratokastri-Gitarre), Andrzej (Gesang), Danusz (Keyboard) und Janusz (Bass) sowie die sich zwar nicht ähnelnden, aber dafür eineiigen Zwillinge Henjek und Stenjek (Posaune und Trompete). Einzig Pawel ist kein Unbekannter im Comedy-Business: Achim Hagemann war jahrelang Sparringspartner von Hape Kerkerling.

„Der Familie Popolski“, wie sich die polnische Familienbande selbst radebrechend und mit deutlich slawischem Akzent nennt, machte nun endlich auch in Mainz Halt und begeisterte ihr völlig „ausgeflipstes“ Publikum im Frankfurter Hof, das nach Jahren der akustischen Verblendung nun die Originalversionen der besten Hits der 70er, 80er, 90er und von heute zu hören bekam: „What’s going on“ (geklaut von den „4 non blondes“), ein von der erotisch-roten Kusinetschka Dorota lasziv gehauchtes (und einst von Chris de Burgh gestohlenes) „Lady in Red“ oder gar den furchtbaren Song „Großer Bruder“ von Jürgen und Slatko, jener Nachtschattengewächse aus dem „Big brother“-Container in einer faszinierenden Ballade à la Chet Baker.

Als Speed-Metal singt Mirek den DSDS-Ohrwurm „We have a dream“, Andrzej schmachtet sich mit „Porn to be alive“ [sic!] in die Herzen der weiblichen Fans und der schüchterne Janusz wird mit „Cherry, cherry lady“ zum Tier, hatte er diesen Song doch für die schöne Kirschenverkäuferin auf dem Wochenmarkt in Zabrze verkauft, bevor Modern Talking ihn mopste.

Zu jedem Hit haben die Popolskis eine Geschichte parat, die sie unterstützt mit Videotechnik von der Firma „Sonytzki“ auf großer Leinwand präsentieren. Neben der Musikhistorie gibt es auch köstliche Anekdoten aus dem Familienkreis. Kurz: Hier wird gekonnt und geschmackvoll mit Klischees jongliert, ohne sie allzu platt zu pflegen oder gar eine Volksseele zu verletzen – einfach eine herrlich bauernschlaue Komödie mit viel richtig gut gespielter Mucke.

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