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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wenn eine Kantorei himmlisch klingt

BOPPARD – Eine Kantorei bringt man in der sicherlich durch Ausnahmen bestätigten Regel nicht immer mit kultiviertem Kunstgesang in Verbindung, steht hier doch eher die Freude am gemeinsamen Musizieren im Vordergrund. Vereinen sich jedoch Kunst, Können und Begeisterung, dann mag auch ein solcher Chor geradezu Himmlisch klingen, wie das Konzert der „Himlischen Cantorey“ unter der Leitung von in St. Pankratius trefflich bewies.

Den Namen lieh sich das Ensemble bei seiner Gründung im Jahr 1995 von den 1604 in Hamburg erschienenen Psalmvertonungen mit Werken von Jacob und Hieronymus Praetorius, Joachim Decker und David Scheidemann. In Boppard musizierten begleitet von Michael Freimuth (Laute) Julla von Landsberg (Sopran), Henning Voss (Altus), Henning Kaiser (Tenor) und Ralf Grobe (Bass). Für den erkrankten Tenor Jan Kobow war Marco Ludwig eingesprungen, der sich nahtlos in den Gesamtklang einpasste.

Ihr Publikum begrüßte die „Himlische Cantorey“ in der Pfarrkirche St. Pankratius, einer neuen Spielstätte des Festivals RheinVokal. Vor dem beeindruckenden Ziborienaltar nach dem Typ Balthasar Neumanns widmete sich das Ensemble dem „Hohelied der Liebe“, jener so untheologischen Sammlung althebräischer Liebespoesie mit durchaus erotischen Anklängen, die sich im Buch Salomo des Alten Testaments findet. Viele Komponisten haben sich mit diesen Texten befasst – von Adrian Eillaert oder Melchior Franck bis Edvard Grieg oder Maurice Duruflé.

An diesem Abend widmete sich die „Himlische Cantorey“ Werken von Giovanni Pierluigi da Palestrina, Heinrich Schütz, Claudio Monteverdi und Leohnard Lechner sowie Orlando di Lasso. Kunstvoll durchbrochen wurden die vokalen Partien mit Lautenstücken von Gianpaolo Paladino, Marco dall’Aquila, Gianantonio Terzi und John Dowland. So spannten die Musiker einen weiten Bogen von Mitte des 16. bis ins 17. Jahrhundert hinein.

Wobei das Ensemble seine „himmlische Herkunft“ in jeder Note bewies: Mit sanftem Bass und gradlinigem Sopran wurden Altus und die Tenöre gleichsam umarmt. Trotz solistischer Qualitäten jeder einzelnen Stimme war hier in verschiedenen Besetzungen kein Quartett oder Quintett aus Individualisten zu hören, sondern ein Vokalensemble, das sich dem harmonischen und virtuos ausbalancierten Chorklang verpflichtet fühlt. Und doch ließ der homogene Gesamtklang die Besonderheiten einer jeden Stimme durchhören, wobei der geschmeidige Altus Henning Voss‘ ohne jeglichen femininen Zungenschlag als primus inter pares besonders behagte.

Eine intensive Textgestaltung betonte nicht nur in den Hohelied-Vertonungen die erotisch vergeistigte Komponente, sondern war auch ein wichtiges Werkzeug für die Lautmalereien in den „Deutschen Sprüchen von Leben und Tod“ von Leonhard Lechner: In diesen 15 kurzen Spruchmotetten ließ die „Himlische Cantorey“ das unstete Leben mit all seinen Widersprüchen geradezu plastisch vor dem geistigen Auge des Hörers entstehen. Mit der Missa super „Veni in hortum meum“ von Orlando di Lasso pflegten die Künstler des Abends auch die geistliche Seite und gefielen im polyphonen Klang, der besonders nach dem einstimmigen Agnus Dei besonders intensiv aufblühte.

Wie auch in den Werken zuvor – und hier besonders im Tenorsolo von Henning Kaiser in Monteverdis „Nigra sum“ geriet das Musizieren der Vokalisten mit ihrem Lautenisten fast schon zum knisternden Flirt. Michael Freimuth gefiel aber auch solistisch: Sein Spiel mutete wie ein mit feinstem Pinsel gezeichnetes Tuschebild an, das introvertiert und kontemplativ weit mehr war als reines Bindeglied zwischen den gesungenen Sätzen.

SWR2 sendet einen Mitschnitt dieses Konzerts am 4. November von 13.05 bis 13.45 Uhr im Mittagskonzert.

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