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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Innere Einkehr im Angesicht des Schreckens

MAINZ (15. November 2015). Die Stimmung vor und vor allem nach dem jüngsten Domkonzert ist anders als gewohnt. Zwar wird dankbar Applaus gespendet, doch ist das Auditorium zutiefst ergriffen von der Musik, die da eben zu hören war: das „Pièce hèroique“ aus den „Trois pièces pour grand orgue“ von César Franck, die Motette „Komm, Jesu, komm“ von Johann Sebastian Bach und das Requiem von Gabriel Fauré. Anfangs traut sich keiner zu klatschen und fast scheint es, als würden der Domkammerchor und das Domorchester ohne die sicherlich verdiente, akustische Gunstbezeugung abtreten. Doch dann bricht sich die Begeisterung ihre Bahn.

In knapp gehaltenen Begrüßungsworten hatte Domkapellmeister Karsten Storck zu Beginn berichtet, dass man sich gemeinsam mit dem Domkapitel spontan dazu entschlossen habe, das Konzert trotz Kostenintensivität als Benefizveranstaltung für den Flüchtlingsfond der Diözese Mainz zu geben. Und natürlich stand die Musik auch im Zeichen der schrecklichen Anschläge zwei Tage zuvor in Paris. Sicherlich lag in der zeitlichen Nähe auch der Grund für die introvertierte Haltung des Publikums im gut besuchten Mainzer Dom. Selten war der Termin eines Domkonzerts, nämlich der Volkstrauertag, so beängstigend passend.

Das Auditorium erlebte eine Stunde intensiv musizierter Kirchenmusik. Nachdem Domkantor Daniel Beckmann mit dem „Heldenstück“ von César Franck gleichsam musikalische Säulen errichtet hatte, an denen die vokale Musik aufgespannt werden konnte, setzte Storck mit der Bach-Motette einen dynamischen Gegenakzent. A cappella musizierte der Domkammerchor das als Trauermusik komponierte Werk mit eleganten Übergängen und stetem Melodienfluss, homogen in Intonation und Duktus.

Die Motette als Gebet – an diesem Abend wird jeder Zuhörer seinen eigenen Zugang zu Bachs Musik gefunden haben: Das drängende „Komm“, in allen Registern mehrfach wiederholt und die resignierte Aussage „Mein Leib ist müde“, das Singen von der schwindenden Kraft und vom sauren Weg, dem Sehnen nach Frieden: Storck und seinem Kammerchor gelang eine gefühlvolle Interpretation. Im Choral „Drum schließ ich mich in Deine Hände“ machte der Dirigent eine deutliche, agogische Zäsur und ließ die Motette sphärisch ausklingen – ein schöner Einfall.

Die Werkauswahl war kein Zufall, doch dass mit Werken von César Franck und Gabriel Fauré Musik französischer Komponisten zur Aufführung kam, verlieh dem Domkonzert zusätzlich eine spürbare Dramatik. Das Requiem Faurés fokussiert nicht die Höllenqualen des Jüngsten Gerichts, sondern das Paradies ohne Pein.

Domkammerchor und -orchester sowie die Solisten Victoria Braum (Sopran) und Harald Martini (Bass) musizierten die wundervolle Musik angesichts der grauensamen Realität der jüngsten Vergangenheit denn auch weniger konzertant als vielmehr im Geiste eines gesungenen Gedenkens, wodurch die Wirkung nur umso stärker wurde. Das finale „In paradisum“ erklang derart ätherisch, dass man sich dieser Musik gänzlich hingeben konnte und – trotz allem – für einen Moment aller irdischen Sorgen entrückt war. Hierin lag sicherlich die besondere Qualität dieses Konzerts.

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