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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Spannung bis zum letzten Ton

MAINZ (22. März 2015). Die Aufführung einer Bach-Passion ist immer etwas Besonderes – für die Musizierenden wie für den Zuhörer. Im Dom erlebte das Publikum jetzt eine besonders innige Wiedergabe der Johannespassion – und eine Premiere: Domkapellmeister Karsten Storck dirigierte das Werk erstmalig und lieferte gleich eine durchgehend schlüssige Interpretation mit spannenden Ideen ab.

Die Choräle, Ruhepole im dramatischen Passionsgeschehen, lägen ihm besonders am Herzen, hatte Storck zuvor versprochen. Und er hielt sein Wort: Breit, transparent und akzentuiert intonierte die durch Männerstimmen des Mainzer Domchores verstärkte Domkantorei St. Martin und sorgte mehr als einmal für ergreifende Momente. Mal erklingt ein Bekenntnis im Brustton der Überzeugung, mal sinniert man erstaunt über eine Einsicht: Text, Komposition und Wiedergabe bilden stets eine überzeugende Einheit.

Neu erfindet auch Storck die Passion nicht, aber er zeigt kleine und oft umso wirkungsvollere Details. Auffallend sind die Zäsuren und Generalpausen, die der Dirigent an wichtigen Stellen setzt. Vor allem, als Storck die zentrale Aussage der Passion, nämlich das Schuldeingeständnis des reumütigen Sünders im Choral „Wer hat Dich so geschlagen“, besonders hervorhebt: In der Reprise heißt es „Ich, ich und meine Sünden“ – und hier schweigt das eigentlich colla parte spielende Mainzer Kammerorchester, so dass das Geständnis a cappella umso deutlicher ausfällt. Betroffen kommt einem das eigentlich im Lukas-Evangelium erzählte Gleichnis vom selbstgerechten Pharisäer und dem einsichtigen Zöllner in den Sinn.

Diese Johannespassion lässt den konzertanten Rahmen also weit hinter sich und besinnt sich auf den Platz, den diese Musik eigentlich hatte: als Teil des Gottesdienstes. Storcks Interpretation ist kunstvoll, gewiss. Doch sie tritt hinter die eigentliche Passionsgeschichte zurück: Die Gefangennahme, die Verhörszene, die Kreuzigung, Jesu Sterben und die Grablegung, all das wird ergreifend erzählt, wobei sich Storck auf das ausgewogen musizierende Mainzer Kammerorchester mit tollen Instrumentalsolisten und seinen homogenen Chor verlassen kann.

Dazu kommt die Leistung des wunderbaren Solistenquintettes: Die Arien der federnd intonierenden Johanna Rosskopp (Sopran), der leider etwas zurückhaltend singenden Alexandra Rawohl und von Bariton Johannes Hill mit perfekt austariertem Tremulieren packen den Zuhörer. Florian Rosskopp (Bass) gibt einen menschlichen Christus, der nicht still leidet, sondern sich an der Geschichte reibt und Daniel Sans, nach längerer Absenz endlich wieder mal im Dom zu hören, stemmt die Herkulesaufgabe, die Tenorarien und die Rolle des Evangelisten zu übernehmen, beeindruckend. Sein Erzähler ist anfangs geschmackvoll objektiv, lässt sich aber vom Inhalt seines Berichts immer mehr beeindrucken. Als das Bass-Arioso „Betrachte, meine Seel“ erklingt, wird offenbar, worum es dem Domkapellmeister geht: in der Musik Bachs des Opfertods Jesu zu gedenken.

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