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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Chorische Perfektion ohne Wenn und Aber

KOBLENZ – Ein ganzer Abend mit Motetten von Heinrich Schütz? Dass das nicht unbedingt in protestantisch-polyphoner Eintönigkeit enden muss, dafür garantiert allein schon der Name des erstmals (und hoffentlich nicht zum letzten Mal) bei RheinVokal gastierenden Dresdner Kammerchors unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann.

Denn wie dieser Spezialist für die Alte Musik die einzelnen Motetten versteht und auch seinem Publikum auf neue Art verständlich macht, geht über eine makellose Aufführung weit hinaus: „Verleih uns Frieden genädiglich“ (SWV 372) ist hier kein ängstliches Flehen, sondern aufrichtiges Gebet, die „Kinder des Reichs“ werden in SWV 375 („Viele werden kommen von Morgen und von Abend“) skandiert ausgestoßen und das „Trauen“ auf den „starken Hort“ im gleichnamigen SWV 377 drückt unbedingten Optimismus aus.

Kurz: In der Interpretation durch den Dresdner Kammerchor in St. Kastor zu Koblenz wird das von Heinrich Schütz vertonte Bibelwort zur überzeugenden Predigt; wenn die Sänger in SWV 378 („Die mit Tränen säen“) ein Ernten mit Freuden in Aussicht stellen, ist da kein Zweifel hörbar.

Für ein solches – zumal mit 19 Stimmen klein besetztes – Ensemble braucht es natürlich handverlesene Stimmen, die sich dennoch zu einem überzeugenden Ganzen zusammenfügen. Diese unerschütterliche Homogenität erreicht Rademann mit seinen drei Bassisten, deren Ausdruck von samtiger Weichheit bis zur markigen Präsenz sowohl im baritonalen wie im tiefen Register reicht. Die (vier) locker-leichten und doch hell strahlenden Tenöre nehmen die klangliche Stafette mit metallenem Klang ohne zu viel Schärfe auf und geben sie sogleich an den mit sechs Stimmen am üppigsten besetzten Alt weiter, der in vollkommener Ausgeglichenheit zum glockenhellen Sopran aufschließt.

Bei einem solchen Ensemble kommt man zweifelsohne ins Schwärmen: Vital und fließend wird hier musiziert und die klare Diktion, die dem Gesungenen perfekt dosiert Nachdruck verleiht, gibt dem Klang eine unangestrengte Natürlichkeit, obwohl die Sänger im ständigen Blickkontakt mit dem Dirigenten höchste Aufmerksamkeit walten lassen.

Und dennoch: Fühlbar, hörbar ist die Härte dieser Arbeit nicht. Das wird einmal mehr offenbar als mit einem Knall der Saitenhalter der Laute Michael Dückers, der die Sänger zusammen mit Renate Pank (Viola da gamba) und Sebastian Knebel (Orgel) begleitet, vom Instrument springt – und der Chor davon unbeeindruckt SWV 389 („Ich bin ein rechter Weinstock“) weitersingt.

Für die 21 (!) Schütz-Motetten, die nur zwei Mal an der Orgel durch die Toccata VIII von Johann Kaspar Kerll (1627-1693) und das Canzon a 4. Del quarto tono von Christian Erbach (1570-1635) durchbrochen werden, wählt Hans-Christoph Rademann verschiedene Besetzungen, wofür ihm Registraturen in beneidenswert hoher Qualität zur Verfügung stehen. Und so erfährt der solistisch reduzierte Klang gegenüber dem Tutti auch einzig eine Verschlankung: Eine Verbesserung ist im Vergleich kaum wahrnehmbar.

Der Mitschnitt dieses Konzerts wird am 27. Oktober 2008 von 20.03 bis 22 Uhr im Programm SWR2 gesendet.

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