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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Nah dran am Original

MAINZ (15. November 2016). 1957 war es, da fanden die beiden Schüler Paul Simon und Art Garfunkel zum musikalischen Duo – Dekaden vor der immer wieder neu aufgelegten Suche nach Supertalenten oder -stars. Es spricht Bände, dass man deren Darbietungen schon bald vergessen hat, die Musik der US-amerikanischen Folkbarden jedoch noch immer, auch nach Trennungen, Wiedervereinigungen und zuletzt nur noch vereinzelten gemeinsamen Auftritten, klingt, als gäbe es das Duo noch immer. Immerhin steht die Band „Disturbed“ aktuell mit einer Coverversion des berühmtesten Hits „The Sound of Silence“ mit an der Spitze der Charts.

Aus dem Heer derer, die das musikalische Erbe von „Simon & Garfunkel“ pflegen, stechen immer wieder Interpreten durch besondere Nähe zum Original hervor. Zwei davon traten jetzt im Unterhaus auf. Während auf der großen Nachbarbühne Gerhard Polt sinnierte, brachten Thomas Wacker und Thorsten Gary vor ausverkauften Reihen als Duo „Graceland“ die Gitarrensaiten und Stimmbänder zum Klingen.

„Me and Julio down by the schoolyard“, „April come she will“, natürlich auch „Scarborough fair“, „Bridge over troubled water“ und „Mrs. Robinson“ – das Programm des Abends erinnert an das, was die Idole der beiden Künstler aus dem badischen Bretten am 19. September 1981 während ihres umjubelten Konzerts im New Yorker Central Park spielten. 21 Songs interpretieren Gary, der die Stimme von Garfunkel übernimmt, und Wacker, der den Simon gibt.

Nicht nur die Songauswahl mag da Erinnerungen wecken: Auch der sonore, hohe Bariton von Thomas „Paul“ Wacker fügt sich mit dem leicht näselnden und gedrungen wirkenden Tenor von Thorsten „Art“ Gary sowie den Gitarrenriffs und -melodien puzzlegleich zum erstaunlich überzeugenden Ganzen. Wie die beiden kraftvoll unisono oder in Intervallparallelen intonieren, Registerwechsel und Lagentausch, die sich umschmeichelnden Stimmen, all das zeigt: „Graceland“ ist weit mehr als ein Cover-Duo, das sich in sehnsüchtiger Lagerfeuerromantik verliert.

Wie sehr das im Unterhaus funktioniert, beweisen die leuchtenden Augen, in die man bereits in der Pause blickt. Und so manch aufgeschnappter Gesprächsfetzen: „Verdammt nah dran“, meint ein älterer Konzertbesucher und eine Dame seufzt: „Also ich habe fast geweint.“ Für sie singen Gary und Wacker wie einst Simon & Garfunkel. In Mainz bekommt das Auditorium dann auch nicht nur für das Mitsingen in „The Boxer“ ein großes Lob: „Ohne Euch würde es diese Musik nicht mehr geben.“ Künstler und Publikum, das ist eben immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen – auch an diesem Abend im Unterhaus.

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