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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Durch die Dunkelheit zum Licht

MAINZ (31. März 2011) Seit der ältesten bekannten Vertonung der katholischen Totenmesse durch Johannes Ockeghem um 1470 hat dieser Topos immer wieder Künstler inspiriert. Und hört der Musikliebhaber das Wort Requiem, wird er das sofort mit bestimmten Komponisten assoziieren: Es fallen einem Wolfgang Amadeus Mozart, Guiseppe Verdi oder Gabriel Fauré ein; aber eben auch – und aus protestantischer Sicht natürlich besonders: Johannes Brahms.

Mit seinem Deutschen Requiem op. 45 löste Brahms die Requiem-Vertonung aus dem liturgischen Kontext heraus und stellte übersetzte Textpassagen aus dem Alten und Neuen Testament zu einer subjektiven religiösen Perspektive zusammen. Thema dieser Auswahl ist nicht die das Totengedenken bestimmende Trauer, sondern der Trost der Hinterbliebenen. Somit richtet sich das Brahms-Requiem nicht an das Reich der Toten, sondern an die Lebendigen. Der Komponist schreibt zu seinem Werk: „Ich habe nur meine Trauer niedergelegt und sie ist mir genommen; ich habe meine Trauermusik vollendet als Seligpreisung der Leidtragenden.“

Wie andere Werke des Komponisten benötigte auch das Deutsche Requiem eine längere Reifezeit. Zwei Schicksalsschläge lassen sich hier datieren: 1856 starb Brahms‘ enger Freund Robert Schumann und 1865 verlor er als 32-jähriger seine Mutter. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Brahms bereits am ersten und zweiten Satz gearbeitet; jetzt ging er den vierten an und übersandte ihn Clara Schumann mit der Notiz, er plane „eine Art deutsches Requiem“ zu komponieren. Aufgrund der intensiven Beziehung zwischen dem Komponisten und der Witwe des Freundes war es Schumann, die 1866 das bis dato sechssätzige Werk als erste zu Gesicht bekam. Nach dem Erhalt der Partitur schrieb sie: „Ich bin ganz und gar erfüllt […], es ist ein ganz gewaltiges Stück, ergreift den ganzen Menschen in einer Weise, wie wenig anderes. Der tiefe Ernst, vereint mit allem Zauber der Poesie, wirkt wunderbar, erschütternd und besänftigend.“

Im Gegensatz zur Wiener Aufführung – hier wurden nur drei Sätze gespielt – wurde das Werk in Bremen am Karfreitag 1868 ein voller Erfolg. Interessant ist, dass man die Sätze in Wien mit Schuberts „Rosamunde“ koppelte und in Bremen von der Arie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ aus Händels Messias flankieren ließ. Der Grund waren theologische Bedenken, die mit der Textwahl des Deutschen Requiems einher gingen: In Brahms‘ Opus 45 fehlt der Aspekt des Erlösungstodes Christi.

Die Betonung der menschlichen Komponente trieb den Komponisten von Anfang an um und zuletzt fügte er als Gedenken an die verstorbene Mutter als siebten den fünften Satz ein. Nunmehr komplett erlebte das Deutsche Requiem am 18. Februar 1869 unter Carl Reinecke in Leipzig seine eigentliche Uraufführung – im Übrigen war dies auch die Geburtsstunde des Gewandhauschores. In den folgenden zehn Jahren wurde das Werk rund einhundert Mal in Deutschland aufgeführt, was den künstlerischen Durchbruch Johannes Brahms‘ manifestierte.

Die einzelnen Sätze sind als deutlicher Bogen auskomponiert, wobei der vierte Satz – „Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth“ (Psalm 84) – als Scheitelpunkt und tröstender Ruhepool fungiert. Ihn umgeben die zwei Sätze, in denen die Solisten belehrend erklären: Der Bariton intoniert „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss“ (Psalm 39) und der Sopran singt „Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will Euch wieder sehen und Euer Herz soll sich freuen“ (Psalm 16), gefolgt vom wunderbar lyrischen „Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jesaja 66).

Diesen Sätzen, dem dritten und dem fünften, stehen wiederum die beiden längsten Partien zur Seite, die den dogmatischen Kern des Werkes bilden: Gedanken über die Sterblichkeit im zweiten – „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ (1. Petrusbrief 1) – und die Hoffnung auf die Auferstehung im sechsten Satz: „Tod, wo ist Dein Stachel?“ (1. Korintherbrief 15). Anfangs erreicht Brahms durch die Wiederholung eine dramatische, wellenartige Spannungssteigerung, deren beklemmender Charakter durch die fanfarenartig intonierten Worte „Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit“ (1. Petrus 1) gleichsam gesprengt wird und in die Fuge „Die Erlöseten des Herrn werden wiederkommen“ (Jesaja 35) mündet. Hier kann eine kleine Anekdote geradezu plastisch erhellend wirken: Anlässlich der Wiener Uraufführung schrieb Eduard Hanslick, er fühle wie „ein Passagier, der im Schnellzug einen Tunnel durchrasselt“. Die siegessichere Todesbetrachtung im sechsten Satz bildet den dramatischen Höhepunkt des Requiems und in der finalen Fuge entlädt sich die aufgestaute Spannung: „Herr, Du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft“ (Offenbarung des Johannes 4).

Sowohl zu Beginn als auch zum Ende des Deutschen Requiems stehen meditative Chöre, die mit dem Wort „Selig“ beginnen und in F-Dur stehen. Brahms lässt sein Werk gleichsam aus dem Nichts entstehen: Er verzichtet auf die Violinen und entwickelt den Klang der tiefen Streicherstimmen über lange Orgelpunkte der Hörner, bis die Chorstimmen a cappella einsetzen: „Selig sind, die da Leid tragen“ (Matthäus 5). Mit „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an“ (Offenbarung des Johannes 14) schließt das Werk: Die Tränen sind versiegt und das liebevolle Gedenken überdeckt tröstend den Schmerz der Trauer. Der Schlusschor erreicht dabei die letzte Auflösung über Es-Dur – eine Aufwärtsbewegung durch die Dunkelheit zum Licht, die im Werkverlauf immer wieder zu hören ist.

Die Redewendung des römischen Dichters Seneca „Per aspera ad astra“ – zu deutsch: durch die Mühe zu den Sternen – zeichnet die kompositorische Entwicklung nach: Die anfängliche Konzentration auf das Leiden wandelt sich spürbar zur Empfindung von Hoffnung und Trost, wodurch Johannes Brahms die Aspekte der christlichen Glaubenstradition mit seinem persönlichen Humanismus musikalisch verbindet. Noch einmal Eduard Hanslick: „Seit Bachs h-moll-Messe […] ist nichts geschrieben worden, was auf diesem Gebiete sich neben Brahms’ Deutsches Requiem zu stellen vermag.“

Referenzaufnahme:
Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem (Sony Classical)
Windsbacher Knabenchor, Juliane Banse (Sopran), Stephan Genz (Bariton), DSO Berlin; Karl-Friedrich Beringer

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