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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Vokalsterne am Mainzer Himmel

MAINZ (30. September 2011). Nein, die Show stehlen wollte der Mädchenchor am Dom und St. Quintin seinen Gästen keineswegs – eher sie „bei sich zuhause“ willkommen heißen: Domkantor Karsten Storck war „in Kompaniestärke angerückt“ und ließ seine Sängerinnen von Piotr Janczak (*1972) „Jubilate Deo“ und „De profundis“ sowie von Bengt Johannsen (1914-1989) die Motette „Cum essem parvulus“ anstimmen.”

Gerade diese Vertonung von Versen aus dem 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes („Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind…“) meisterten die Mainzer Mädchen mit packend aufgespreizten Clustern und überzeugten bei Janczak mit akzentuierter Rhythmik. Mit einem eigenen Satz „Abend ward, bald kommt die Nacht“ machte Karsten Storck dann die Bühne frei für die rund 40 Chormädchen und -damen aus Essen, die an der Orgel von Thomas Höpp begleitet wurden.

Der Mädchenchor am dortigen Dom steht unter der Leitung von Raimund Wippermann und wird im kommenden Jahr 20 Jahre jung. In dieser Zeit hat er sich zu einem der profiliertesten Ensembles seiner Art entwickelt. Wie dem Mainzer Mädchenchor obliegt auch diesem vokalen Klangkörper gemeinsam mit dem dortigen Domchor und den -singknaben die Ausgestaltung der Gottesdienste und Domkonzerte; Reisen führten den vokalen Klangkörper unter anderem ins europäische Ausland und auch in nationalen Chorwettbewerben wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet.

Im Mainzer Domkonzert, das gleichzeitig auch eine Veranstaltung des Kultursommers Rheinland-Pfalz war, hatte man sich unter dem schlichten Titel „Voices“ vorgenommen „dem Namen Gottes Stimme zu geben“. Und das gelang eindrucksvoll: Vier Teile – „Vor Gott treten“, „Zu Gott sprechen in der Sprache der Psalmen“, „Gott ist das Licht“ und „Abendlob“ – bildeten dabei ein thematisches Ganzes.

Nach einem ätherischen Introitus (bei dem einzig die klappernden Absätze der Damen störten) begann das Konzert mit Kompositionen des 1956 geborenen Chorleiters. Um das Kirchenschiff herum aufgestellt fesselten die Sängerinnen ihre Zuhörer mit der Klang-Collage „Hagios Kyrios“: Anschwellende Klangkaskaden und Echoeffekte muteten wie Leuchtspuren an und knüpften einen eng verwobenen Klangteppich. Während des schwedischen Volkschorals „I Himmelen“ begaben sich die Sängerinnen in den Altarraum, um in den Psalmvertonungen von Nancy Telfer (*1950), Douglas Coombes (*1950) und Arvo Pärt (*1935) mit unglaublicher Homogenität und transparenter Klangschönheit zu glänzen. Die Strahlkraft dieses Mädchenchores zeigte eindrucksvoll, dass man wunderbare Momente der Chormusik auch ohne Tenöre und Bässe erleben kann.

Höhepunkte waren vor allem auch die Partien, die das Licht illuminierten: Aus einer 2001 entstandenen Auftragskomposition von Rolf Rudin (*1961) für den Mädchenchor am Essener Dom stammt „Lichter fallen mir ein“, das die sinnentleerte Reizüberflutung einer amerikanischen Großstadt thematisiert; die Noten der Partitur bilden die Skyline von Manhatten – mit den „Twin-Towers“. Der Chor begann mit dem Einstudieren auf den Tag genau am 11. September 2001…

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