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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Intimer Blick in des Sängers Seele

MAINZ (20. Februar 2013). „Ain’t no sunshine“ von Bill Withers – bei Stefan Gwildis heißt das „Allem Anschein nach bist Du’s“; Marvin Gayes „How sweet it is“ – der Hamburger macht daraus „Sie ist so süß“; „Me and Mrs. Jones“ von Billy Paul – Gwildis dolmetscht das mit „Sie lässt mich nicht mehr los“; und Aretha Franklins „Chain of fools“ hört sich einfach so an, wie die knarzige Soulstimme aus dem Norden es übersetzt: „Schön, schön, schön“.

Er hat schon ein Händchen dafür, die Stimmungen der Originale ohne Verlust ins Deutsche zu übertragen. Dass das auch in weit intimerem Rahmen, nämlich ohne Band, klappt, bewies Stefan Gwildis jetzt mit Pianist Tobias Neumann während seines Mainz-Gastspiels im Frankfurter Hof: „freihändig – vierhändig – akustisch“ heißt das Motto und verspricht einen besonderen Abend.

Denn Gwildis, nebenbei auch ein genialer Mouth-Drum-Player, schafft mühelos den Spagat zwischen groß aufgezogenem Soulkonzert und reduzierter, balladesker Wiedergabe, die Neumann natürlich entsprechend melodiös unterfüttert – grandios allein schon das rollende Crescendo in „Gestern war gestern“! Die Stimmung des Gospel-Gottesdienstes behält der Sänger in ironischer Brechung bei und singt zusammen mit seinen „Brüdern und Schwestern“ und „Halleluja!“ seine Coverversionen und eigenen Songs des aktuellen Albums „freihändig“.

Dessen erster Song ist der zweite des Abends – „Spiel das Lied in Dir“ – und der Text anregend: „Mach die Musik so laut Du kannst, / lass es nur raus voll und ganz, / mach die Augen zu und tanz / der Welt entgegen.“ Das Publikum erweist sich nicht nur hier als äußerst textsicher und schwimmt mit Gwildis auf einer Welle des Wohlbefindens. Der smarte Sänger im Smoking ohne Fliege, dafür aber mit klobigen Arbeitsschuhen tänzelt dabei leichtfüßig durchs Programm, singt von Liebe und Lust, Leidenschaft und Eifersucht, Verrat und Verlust. Dabei treffen einen die Töne frontal, die raue Reibeisenstimme umspült einen und Gwildis schaut einem keck ins Gesicht.

Die Moderation der Hamburger Kodderschnauze ist flockig leger und trifft wie im Lied stets den richtigen Ton. Da erzählt er von seiner Kindheit im Laufgitter, rezitiert gemeinsam mit „Schwester Brigitte“ Rilkes „Panther“ hinter seinen Gittern und singt von der „Regennacht in Hamburg“, dass man meint, die Wellen an die Pontons der Landungsbrücken schwappen zu hören.

Dass er immer mehr eigene Wege geht, macht ihn noch spannender. Und er kündigt ein faszinierendes Projekt an, dessen silbernes Ergebnis im April kreisrund auf den Markt kommt: Gemeinsam mit der NDR BigBand hat er ein neues Album aufgenommen, woraus er mit Neumann ein vertontes Heinz Erhardt-Gedicht vorträgt: „Der Einsame“, schwarzhumorige Zeilen, die zum dunklen Kolorit von Gwildis Stimme und Soul genauso perfekt passen wie zur wohlig schummrigen Intimität des Abends.

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