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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die Messe mit dem grünen Punkt

EBERBACH (28. Juli 2010). Die ganze Welt spricht von Recycling – Johann Sebastian Bach engagierte sich auf diesem Gebiet schon vor fast 300 Jahren: In seiner h-moll-Messe (BWV 232) verwendete der Komponist im Parodie-Verfahren zahlreiche Kantatenteile wieder. Ein Konzert mit diesem Werk gestaltete in Kloster Eberbach jetzt das Ensemble Cantus Coelln auf Einladung des Rheingau Musik Festivals.

Konrad Junghänel hat sein Vokalensemble vor 23 Jahren gegründet und sich seither um die Musik der Renaissance und des Barock verdient gemacht. In verschiedenen Besetzungen steht Cantus Coelln für eine spannende Melange aus Kunst und Künstlichkeit, richtet es mit kleinsten Besetzungen doch die Aufmerksamkeit auf Details und eröffnet dem Hörer somit neue Wege zu vermeintlich sattsam bekannter Musik.

In Kloster Eberbach war jetzt eine h-moll-Messe zu hören, deren Idee, obwohl nicht neu, immer wieder einem reizvollen Musikexperiment gleichkommt: Dass wenige Sänger Chor und Solisten in Personalunion geben, stellt sie in ein energiegeladenes Spannungsfeld, in dem sich aufgrund alternierender Besetzungen die Gewichte zugunsten einer stets vitalen Klangvorstellung ständig verschieben. Der Beliebigkeit steuert Junghänel dabei mit einem glatten Guss entgegen, der zuweilen jedoch ein bisschen zu flach ausfällt und Effekte verpuffen lässt.

Chorisch ergänzen sich die Mitglieder von Cantus Coelln plausibel und auch die Arien gestalten die einzelnen Stimmen routiniert gefällig, wobei besonders das kernige „Laudamus te“ von Johanna Koslowsky angenehm auffällt. Einzig Elisabeth Popien nimmt in den Arien ihre Altstimme gegenüber dem Orchester oder im Duett arg zurück, wodurch die Homogenität eine leichte Schlagseite bekommt. Im Chor mischt sie sich mit Altus Alexander Schneider wiederum überzeugend. Der Drang zum reinen Klang, er ist spürbar an diesem Abend.

Doch irgendwie passt es nicht: Dem Sterilen der Perfektion gebricht es an musikalischer Wärme, ja an Herzlichkeit. Gewiss, es ist durchaus nicht unattraktiv, diese Messe derart abgespeckt zu hören: Statt monumentalen Chören „nur“ zehn Solisten, die das „Kyrie“ fließend leicht und unglaublich schlank intonieren, die mit dem Klang der Instrumente verschmelzen und mit genauer Diktion ihrem Gesang punktgenau Kontur verleihen. Im Gloria zieht Junghänel das Tempo zuweilen bedenklich an, aber die kleine Besetzung erweist sich als wendig und sicher – auch das sicherlich ein Vorteil eines so flexiblen Ensembles wie Cantus Coelln. Die der h-moll-Messe innewohnende Majestät muss nicht immer durch Lautstärke ausgedrückt werden.

Gleichwohl mutet gerade diese h-moll-Messe an wie ein bildschönes Mädchen, das leider Tendenzen zur Magersucht zeigt. Obwohl sich die solistische Besetzung in der Akustik von Kloster Eberbach natürlich entsprechend potenziert und trotzdem durchsichtig bleibt, kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass weniger nicht immer mehr ist. Kurioserweise scheint Cantus Coelln an Bachs Zeiten näher dran zu sein als ein mehr oder weniger üppig besetzter Chor: Der Thomaskantor hatte zumindest keine Fischerchöre zur Verfügung.

Man ist also hin und her gerissen, wenn die Kraft eines großen Klangkörpers dermaßen dosiert wird: Die unbedingte Transparenz zeigt dem Hörer zweifelsohne das Innenleben der Komposition, sozusagen eine in Musik gefasste Körperwelten-Schau. Grausen stellt sich hier gewiss nicht ein, eher Faszination. In letzter Konsequenz aber fehlen Fleisch und Blut…

Das Konzert wurde von hr2-kultur mitgeschnitten und wird zu einem späteren Zeitpunkt gesendet.

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