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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Vielseitiger Weltenbürger

MAINZ – Noch immer macht sein Herz einen Sprung – 15 Minuten vor dem Auftritt in der Garderobe. Für Herman van Veen scheint das Betreten der Bühne dasselbe zu sein wie für sein treues Publikum, das den Saal fast bis auf den letzten Platz füllt: ein Wiedersehen mit einem alten, lieben Freund.

Der Niederländische Barde passt in keine Schublade. Aber nicht, weil er zu sperrig wäre, sondern weil er aus jeder Kategorie mit einem Schmunzeln sogleich wieder entschwinden würde: Er ist Liedermacher und Sänger, nicht Musiker, sondern Musikant, Mahner und Clown – ein vielseitiger Weltenbürger, der in tiefer Melancholie wie im glühenden Optimismus, im albernen Schabernack wie im hintersinnigen Witz zuhause ist.

In der Mainzer Phönixhalle präsentierte van Veen jetzt gemeinsam mit Jannemien Cnossen und Doris Oitzinger (Violine und Gesang) sowie Edith Leerkes (Gesang, Bass und Gitarre) und Erik van der Wurff (Bassgitarre und Klavier) das aktuelle Album „Im Augenblick“. Seinem Publikum schenkte er damit gleich viele: lustige und berührende, klingende und absurde, unterhaltsame und auch verstörende.

Mit 64 Jahren ist seine Stimme noch von eindringlicher Stärke, tönt mal voluminös und tragend und dann wieder mit augenzwinkerndem Kichern. Der Haarkranz ist mittlerweile schlohweiß, doch innerlich hat van Veen noch immer einen Platz für das Kind im Mann. Mittlerweile selbst Großvater erzählt er witzige Geschichten von den Enkeln, die er auflockernd von seinen Gedankengängen abzweigen lässt.

Van Veen versteht es, sein Publikum direkt anzusprechen, ohne sich ihm aufzudrängen. Hier schwelgt er in Erinnerungen an sein noch ungeborenes Kind, da kokettiert er mit dem Alter, singt wunderbare Liebeslieder oder die Ballade vom „alten Pärchen Hans und Klärchen“, in dem ihm eine sepiafarbene Momentaufnahme von betörender Schärfe gelingt. Anrührend ist auch der Abschied von einem toten Kind, vor dem er sich fragt, warum es neben Witwe und Waise kein Wort für trauernde Eltern gibt.

Die weiche Melancholie durchbricht van Veen aber immer wieder als Clown, wenn er sich rittlings auf den Schlagbass setzt und ihm rhythmisch die Sporen gibt, durchschaubare „Zaubertricks“ vorführt, als Balletttänzer über die Bühne fliegt oder es Pingpong-Bälle regnen lässt. Zuweilen irritiert der Sänger aber auch mit zu abwegiger Komik: Dann zieht er sich die Unterhose unter die Achseln oder deklamiert eine absurde Musikerbiografie.

Doch abgesehen von solchen Kapriolen lässt van Veen seine „Papierboote der Sehnsucht“ zu Wasser und unterquert mit ihnen „Brücken aus Kummer zur Vergangenheit“, besingt die Liebe mit jeder Faser des Seins und begeistert auf der Geige, auf der er zusammen mit seinen brillanten Partnern sephardische Klänge und rauschenden Klezmer intoniert.

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