Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Musik

The Hillliard Ensemble auf Abschiedstournee

NIEDER-OLM (21. März 2014). Zweifelsohne ist es eine Ehre, wenn The Hilliard Ensemble in der katholischen Kirche St. Georg im rheinhessischen Nieder-Olm gastiert – man bringt die vier Sänger ja doch eher mit der Londoner Westminster-Kathedrale, Notre-Dame oder der New Yorker Carnegie Hall, zumindest aber mit Kloster Eberbach im Rheingau in Verbindung.

Dass David James (Countertenor), Rogers Covey-Crump (Tenor), Steven Harrold (Tenor) und Gordon Jones (Bariton) ausgerechnet auf ihrer Abschiedstournee in Nieder-Olm Station machen (und das bereits zum dritten Mal), ist dem Musiker Werner Schüßler zu verdanken, der zu den Ensemble-Mitgliedern nicht nur professionelle, sondern auch freundschaftliche Verbindungen unterhält.

Bis auf den letzten Platz ist das Kirchenschiff von St. Georg besetzt und groß ist die Vorfreude auf das Programm: „A Hilliard Songbook“ schlägt einen Bogen vom elften Jahrhundert bis in die Neuzeit. Den Anfang machen jedoch die Gastgeber: Das Jugendvokalensemble der Musikschule Nieder-Olm singt unter der Leitung Schüßlers den Cantus „Christo ver’huom’ e Dio“ von Fran‘ Serafino Razzi aus dem 16. Jahrhundert und stimmt somit treffend auf das „Hilliard-Songbook ein“.

Auch darin wird Alte Musik vorgestellt: „Viderunt Omnes“ von Pérotin (1150-1225), das älteste vierstimmig überlieferte Werk überhaupt; oder das „Ave Maria“ von Josquin Desprez (1450-1521). Hier sind die Hilliards spürbar zuhause, vor allem mit dieser Musik haben sie sich 40 Jahre lang ihren Weltruhm ersungen. Und mit zeitgenössischer Musik: Zwei Werke des 1935 geborenen estnischen Komponisten Arvo Pärt – „And One of the Pharisees“ (1992) und „Most Holy Mother of God“ (2003) – stellen beispielhaft und ergreifend die minimalistische Kompositionsweise Pärts vor: „Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonqualität. Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich“, erklärt Pärt selbst seinen „Tintinnabuli“-Stil.

Die kantenlose, glatte Homogenität früherer Jahre, die dem Hilliard-Ensemble zu seinem exzellenten Ruf verhalf, ist mittlerweile einem oft konturreichen Miteinander von Einzelstimmen gewichen, deren Intonationsgüte und vokale Eleganz natürlich nicht unabhängig vom Alter des jeweiligen Sängers bewertet werden darf. Und die klanglichen Schwankungen sind bei weitem nicht immer ein Störfaktor: Im an Melismen reichen Gesang Pérotins mit seinen echoartigen Reprisen gehören sie ebenso dazu wie zu den „Sharkans“, jenen liturgischen Gesängen aus der frühen armenisch-christlichen Kirche, die Komitas Verdapet (1869-1935) mit folkloristischen Farben versehen hat.

Besondere Erlebnisse sind aber vor allem die Bearbeitungen dreier traditioneller Volkslieder Japans aus der Feder des 1955 geborenen Komponisten Toshio Hosakawa: In Anwesenheit des Komponisten, der seine eigens für das Hilliard-Ensemble geschriebenen Werke an diesem Abend erstmals hörte, kam es in St. Georg auch zu einer deutschen Uraufführung dieser Musik. Und nicht nur das wurde vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen.

Die nächsten hochkarätigen vokalen Gäste geben sich am 23. August 2014 die Ehre: Dann gastiert, ebenfalls auf Einladung des Musikschule Nieder-Olm, um 19.30 Uhr das weltbekannte Vokalensemble „Chanticleer“ in St. Georg.

zurück