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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Barockmusik par exellence: „Il Giardino Armonico

FRANKFURT – Es gilt nicht umsonst als eines der führenden Barockorchester weltweit: Seinen Ruf verdankt „Il Giardino Armonico“ dem unglaublich vitalen Spiel alter Musik, das selbst Vivaldis „Jahreszeiten“ noch neue, ungeahnte Momente zu entlocken vermag. Mit zwei Brandenburgischen Konzerten von Bach sowie Werken von Vivaldi, Telemann und Geminiani gastierte das Ensemble jetzt in der Alten Oper.

Der Wehrmutstropfen zu Beginn, damit man’s hinter sich hat: Die eher auf sinfonische Dimensionen maßgeschneiderte Akustik der Alten Oper nahm dem Klang leider Einiges an Intensität. So musste man sich manche Feinheit, die fraglos zu hören gewesen wäre, eher dazu denken, wenn man nicht in den ersten Reihen saß und das Spiel der Musiker auch optisch genießen konnte. Doch das war im Großen Saal dieses Konzerthauses ja auch nicht anders zu erwarten.

Mit Francesco Saverio Geminiani und dessen Concerto grosso d-moll op. 5 Nr. 12 – Thema und Variationen über „La Follia“ nach der Solosonate für Violine von Arcangelo Corelli – machte man den Anfang, wobei das Orchester gleich einmal den hohen Maßstab des Abends festlegte: Majestätisch einherschreitend oder ausgelassen tänzelnd und wie auf Zehenspitzen trippelnd gestalteten die Musiker die Variationen und beeindruckten nicht nur mit unglaublich präsentem Spiel, sondern auch mit einer transparenten Homogenität.

Die Brandenburgischen Konzerte Nr. 3 und 4 bildeten die Hauptwerke, bei denen Dirigent Giovanni Antonini auf eine anmutende Zurückhaltung setzte, denn reißerische Effekthascherei ist die Sache von „Il Giardino Armonico“ nicht. Und doch gelang der Bach beispielhaft mit einer Dynamik, die vom rassigen Forte in ein fast nicht mehr hörbares Pianissimo und retour führte.

Stilmittel wie das perkussive Con legno-Spiel setzten die Musiker sparsam, aber wirkungsvoll ein – kurz: Hier wurde einfach elegant und federleicht musiziert; ja, man hatte fast den Eindruck, als würde das Orchester stets ein paar Zentimeter über der Bühne schweben…

Was „Il Giardino Armonico“ so unverwechselbar macht, ist das Zusammenwirken der einzelnen Stimmen. In BWV 1048 konzertierten die drei Streicher-Gruppen in ihren verschiedenen Lagen vollkommen gleichberechtigt nach dem Vorbild des Vokalkonzerts, in der Fuge von BWV 1049 traten die beiden Flötisten Giovanni Antonini und Marco Brolli mit Enrico Onofri (Violine) in einen erfrischenden Dialog: Das war, wie auch die Interpretation von Georg Phillip Telemanns Konzert für Block- und Traversflöte e-moll (TWV 52:el), Barockmusik par exellence!

Das Dirigat von Giovanni Antonini, der „Il Giardino Armonico“ seinerzeit mit gründete und seit 1989 leitet, ist im Übrigen ebenfalls der Aufmerksamkeit wert: Mal rudert er mit den Armen, als wollte er abheben, mal reduziert er seine Bewegungen auf einen kaum sichtbaren Fingerzeig, mal mutet er wie ein Fechtmeister an.

Mit dieser abenteuerlichen und erfrischen unkonventionellen Gestik erreicht der Künstler jedoch, dass seine Musiker die barocken Klänge mit einer spürbaren Frische spielen, die anderen Barockensembles (besonders nach einem solchen Abend so schmerzlich) abgeht: Hier waltet die Perfektion, nicht jedoch die Routine – kurz: hier spielen große Musiker mit dem Geist von Musikanten.

Höhepunkt war daher zweifelsohne Antonio Vivaldis Flöten-Konzert C-Dur (R 444): Antonini spielte hier selbst die Piccolo-Blockflöte mit einem rasanten Impetus, der anfangs ein Lächeln durchs Publikum huschen ließ und auch für verblüfftes Staunen sorgte: Wirkte dieser Maestro einmal als Rattenfänger, man würde ihm als possierlicher Nager bis ans Ende der Welt und weit darüber hinaus folgen…

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