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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Blick in die Seele der Musik

MAINZ (5. Juni 2016). Welch schöne Geste: Statt eine Zugabe zu geben lädt die Johanniskantorei am Ende ihres Konzerts in St. Quintin das Publikum ein, zwei Strophen des letzten Liedes gemeinsam zu singen. Es ist „Der Mond ist aufgegangen“. Zuvor hatte der Chor alle Strophen dieses zutiefst klugen Textes in einem Satz von Max Reger intoniert. Und verspürte man nicht währenddessen schon das Bedürfnis, dieses wundervolle Lied mitzusingen? Nun durfte man.

Am Ende ist man also doppelt beschenkt, denn man lernte mit diesem Konzert auch einen Komponisten kennen, der noch immer ein Schattendasein führt. Immerhin wirft die Musikwelt im 100. Todesjahr Regers so manchen Lichtstrahl auf den eigenwilligen, wohl auch schwierigen und psychisch stets labilen Künstler. Sein rastloses Suchen und seine Ausflüchte ins Übermaß spiegeln sich auch in seiner Musik, allen voran in den Orgelwerken wider.

Aus dem umfangreichen Œuvre für dieses Instrument, genauer gesagt aus Opus 66, hatte Volker Ellenberger drei Werke ausgewählt: die Rhapsodie sowie Präludium und Fuge in D-Dur und E-Dur. Letzteres beginnt sphärisch entrückt, wie in warmes Licht getaucht, von ferne scheinend, um sich dann immer mehr aufzuhellen und schließlich im gleißenden Strahlen zu erklingen: Volker Ellenberger, dem durch die Ausgrabungen in St. Johannis die eigentliche Wirkungsstätte abhandengekommen ist – die dortige Kirchenorgel wurde abgebaut und veräußert –, fühlt sich auch auf der englischen Nelson-Orgel in St. Quintin heimisch.

Regers musikalische Architektur gleicht oft einem Labyrinth: Die immensen technischen wie gestalterischen Ansprüche der Orgelwerke verlangen nicht nur vom Interpreten das Äußerste. Doch Ellenberger versteht es, der komplizierten Textur virtuos und expressiv zu folgen, ohne sich im Gewoge der Klangmassen zu verlieren. Auf die tonalen Gebirge folgen immer wieder lyrische Passagen – dieses Orgelspiel lässt den Hörer tief in die Seele der Musik – und ihres Schöpfers – blicken.

Ähnlich verhält es sich mit den Chorwerken, die Reger jedoch schlichter gehalten hat. Im Mittelpunkt des Konzerts stehen neben Choralvertonungen die Acht Geistlichen Gesänge Opus 138, darunter das berührende Nachtlied, das die Johanniskantorei gleich zwei Mal ins Programm montiert hat. Der Chor, der unter dem Gastdirigat von Stefan Küchler aus Mörfelden-Walldorf sang, überzeugte hier vor allem mit einer gediegenen Piano-Kultur, wohingegen die Intonation in den Fortissimo-Stellen zuweilen leicht schwankte. Dies konnte den positiven Gesamteindruck, der durch genaue Diktion und Transparenz verstärkt wurde, jedoch nicht zu sehr trüben.

Auch hier kam man dem Komponisten nahe, zumal die Motette „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“ das Konzert eröffnete: Als Max Reger am 11. Mai 1916 starb, lag in seinem Zimmer der Korrekturbogen mit eben jenem Stück. So wurde der Abend, begleitet von Donnergrollen und Blitzen, zu einem würdigen und berührenden Gedenken.

Volker Ellenberger
Der Kantor von St. Johannis begeht in diesem Jahr sein 25. Dienstjubiläum als Kantor an St. Johannis. Als Dirigent und Organist gab er in dieser Zeit wichtige Impulse für das Mainzer Musikleben und bereiste als gefragter Konzertorganist das In- und Ausland. Bis 1997 lehrte er Orgel am Mainzer Peter-Cornelius-Konservatorium und ist seit 2003 Lehrbeauftragter der Evangelisch-Theologischen Fakultät Mainz für Kirchenmusik sowie Dozent für Liturgik, Hymnologie und Glaubenslehre an der Hochschule für Musik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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