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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Saitenweise Sternstunden

OESTRICH (30. Juni 2011). Das Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festivals ist immer etwas Besonderes – in diesem Jahr standen Gustav Mahlers Sinfonie N. 5 cis-moll und Sieben frühe Lieder für Singstimme und Orchester von Alban Berg auf dem Programm – prachtvolle Musik und wie gemacht für das hr-Sinfonieorchester unter Paavo Järvi.

Interessant ist aber auch der individuelle Start in den schon zum Slogan gewordenen „Sommer voller Musik“: Was wählt man sich selbst als Eröffnungskonzert, wenn man zur offiziellen Ouvertüre verhindert ist oder sich stilistisch in anderen Epochen wohler fühlt? Das Arcanto Quartett mit Haydn, Britten und Brahms? Meisterwerke aus drei Jahrhunderten für Blechbläser mit Ludwig Güttler? Jazz mit Angélique Kidjo, Dianne Reeves und Lizz Wright? Oder gar den Percussionisten Martin Gruber mit seinem 28-köpfigen Instrumentalensemble?

Nein, es ist – natürlich – Johann Sebastian Bach: Seine Cello-Suiten Nr. 1, 3 und 6 spielte Julian Steckel in St. Martin zu Oestrich und bescherte dem Publikum einen wundervollen Abend mit vielen Momenten von unglaublicher Tiefe, die sich durch die Verbindung des Interpreten mit der Komposition ständig zu potenzieren schien – wie ein Blick in einen sternenklaren Himmel, der einem immer mehr leuchtende Punkte am Firmament schenkt.

Sie nehmen keine singuläre Stellung im Schaffen Bachs ein, diese Solosuiten. Bereits seine Werke für die Violine zeigen, wie man auch abseits des Tasteninstruments mehrstimmig Klangpracht entfalten kann. Die Suiten für Violoncello nehmen diesen Gedanken auf und entwickeln ihn weiter hin zu einer Polyphonie, die in der sechsten Suite gipfelt und die der Komponist ursprünglich für die damals neue fünfsaitige Viola pomposa schrieb. Man kann dieses hoch anspruchsvolle Werk auch auf dem normalen Cello spielen – wenn man es eben kann. Julian Steckel gehört eindeutig zu dieser Gruppe. Er nutzt die Effekte der Suiten nicht, um sich zu profilieren, sondern stellt seine Gestaltung ganz in den Dienst der Komposition.

Dabei ruft das Musizieren dieses Künstlers eine kleine Erinnerung an die eigene Schulzeit wach, als man noch mit dem Tuschekasten hantierte – meist malte man mit der Standardausführung, den nötigsten Farben. Und immer gab es einen Banknachbarn, der die Neid erregende mehrstöckige Variante mit einem deutlichen Mehr an Couleurs im Ranzen hatte. Steckels Pinsel ist nota bene der Bogen und sein Instrument die Palette, auf der er kunstvolle die Klangfarben zu mischen versteht. Das Spiel ist von einer Intensität, die eindringlich daher kommt; seinem Ansatz ist dabei ein zarter Schmelz eigen, der mit vollem Ton ein imposantes Leuchten und Strahlen hervorbringt.

Da Julian Steckel für Bachs Suiten natürlich der rechte Adept ist, verdiente jede Partie aus den jeweils sechssätzigen Werken eine eigene Betrachtung. Doch hallen einige Momente besonders nach: Die kontemplative Allemande aus Suite Nr. 6 in D-Dur (BVW 1012) oder das swingende Moment in den Menuetten der ersten Suite in G-Dur (BWV 1007) – jeder Ton ist hier gleich wichtig, keine Phrase verkommt zum bloßen Übergang. Die Sarabande der Suite Nr. 3 in C-Dur (BWV 1009) spielt Steckel mit tiefem Ernst und einer Würde, die daraus ein anrührendes Schmerzenslied werden lässt. Nach der beschwingten Allemande, die bei Steckel fast schon groovt, bringt der Virtuose hier majestätische, edle Klänge zum Erblühen. Überhaupt ist seine Interpretation der dritten Suite ein einziges markantes Ausrufezeichen, das in der tragenden Akustik der Oestricher Pfarrkirche St. Martin wohlig verklingt.

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