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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Musik aus der Nachbarschaft

MAINZ (18. Dezember 2016). In der katholischen Pfarrkirche St. Franziskus auf dem Lerchenberg schauen Ochs‘ und Esel neugierig aus dem bereits aufgebauten Stall der Weihnachtskrippe ins Kirchengestühl. Die weiteren Protagonisten der Szenerie – Maria und Joseph, die drei Weisen aus dem Morgenland und die Hirten – sind offenbar noch unterwegs.

So wie die Gottesmutter im deutschen Weihnachtslied „Maria durch ein Dornwald ging“: Es ist eines von rund 20 Gesängen, die der Kammerchor Rheinhessen unter der Leitung von Stefan Weiler an diesem Abend anstimmt. 2009 waren diese Lieder schon einmal hier zu hören, als Weiler sie – damals mit dem Mainzer Figuralchor – auf CD bannte. Das Programm von einst bildet auch die Grundlage dieses Konzerts, das der Dirigent durch kurze Moderationen über Weihnachten in den verschiedenen Ländern Europas bereichert.

Denn von dort kommen die Lieder: aus Österreich, Tschechien und der Slowakei, aus Polen und Russland, aus Deutschland und den Niederlanden, Italien, Spanien und England; hier geht die musikalische Reise des Abends hin. Und das zahlreich erschienene Publikum hört nicht nur bekannte und unbekannte Weihnachtslieder, sondern erfährt auch einiges über Brauchtum und kulinarische Sitten der europäischen Nachbarn.

Der für dieses Konzert mit 18 Stimmen besetzte Kammerchor Rheinhessen singt die meist vierstimmigen Sätze klangschön, mit dynamischen Effekten und vor allem deutlicher Diktion, denn es ist auch das Wort, die frohe Botschaft, die hier im Mittelpunkt steht. „Grünet Felder, grünet Wiesen“ aus Österreich, das russische Wiegenlied „Schlaf, mein Kindlein“ oder die schlesische Weise „Was soll das bedeuten“: Das Ensemble singt stets die deutsche Übersetzung und verzichtet überdies auf die immer gleichen Klassiker, was das Konzert ein wenig aus dem sonstigen weihnachtlichen Klanggeschehen dieser Tage hervorhebt.

Der Zuhörer erfährt so einiges: So ist in den Niederlanden der 5. Dezember, wenn die Bevölkerung „Sinterklaas“ mit seinem farbigen Gehilfen, dem „Zwarten Piet“ (dessen Darstellung mittlerweile tatsächlich als politisch unkorrekt kritisiert wird) empfängt, viel wichtiger als der Heilige Abend. Und die russisch-orthodoxen Christen feiern die Geburt Jesu erst am 6. und 7. Januar. Was allen Europäern hingegen eigen ist: das Schlemmen zu Weihnachten, auch wenn mancherorts erst eine Fastenzeit durchzustehen ist. Besonders in Frankreich wird getafelt: „In der Provence mit bis zu 16 Desserts“, hat Weiler recherchiert.

Das viel beklatschte Konzert endet mit einem bekannten Lied, das aus der Feder des Komponisten Georg Friedrich Händel stammt, der lange Jahre in England lebte und wirkte, der letzten Station der musikalischen Reise: „Tochter Zion“. Hierbei lud Stefan Weiler das Publikum zum Mitsingen ein, festlich begleitet von Joachim Schneider an der erst Anfang des Monats geweihten, neuen Kirchenorgel von St. Franziskus.

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