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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Fliegende Kadenzen

MAINZ (17. Januar 2011) Laut Knigge sollte man nicht zu lange mit guten Wünschen für das noch junge Jahr warten. Das Veranstalten von Neujahrskonzerten hat der Freiherr in seinen Benimmregeln jedoch nicht erwähnt, weswegen das erste Mainzer Meisterkonzert 2011 mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 und Rachmaninovs 2. Sinfonie e-moll op. 27 durchaus zu einem beschwingten Neustart einladen durfte.

Ein harter Brocken ist sie schon, diese Sinfonie: Fast eine Stunde dauert das Werk und führt seinen Zuhörer durch ein opulentes Klanggemälde voller eruptiver Momente wie sanfter Augenblicke: Das wunderschöne Klarinettensolo im Adagio des dritten Satzes ist ein solcher und auch die lyrischen Soli der Holzbläser und die feudal besetzten, doch trotzdem transparenten Streicher gaben an diesem Abend der Musik ein eigenes Gesicht. Bestens aufgelegt präsentierte sich hier das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung von Yakov Kreizberg.

Dieser hatte Rachmaninovs Opus 27 sichtlich durchdrungen und dirigierte die vier Sätze ohne Partitur, wobei er die Instrumentalisten sowohl den ruhigen Kontrasten wie auch dem stürmischen Drängen des Allegro im zweiten Satz nachspüren ließ. Kreizberg vermochte es hier meisterhaft, die Spannung zwischen Aufbruch und Düsternis, die nach dem katastrophalen Durchfallen der ersten Sinfonie Leben und Schaffen Rachmaninovs überschattete, spürbar zu machen.

Auch Beethoven war nicht guter Dinge, als er sein 5. Klavierkonzert schrieb: Die Taubheit schritt immer weiter voran und politisch wollte der Komponist sein „Großes Konzert“ als Statement gegen Napoleon verstanden wissen. Gemeinsam mit dem Orchester schuf Kirill Gerstein als Solist des Abends ein grandioses Erlebnis aus moussierenden Läufen, traumhaft transparenten Partien und organischem Werkverständnis.

Das Publikum durfte hier nicht nur einer meisterhaften Interpretation lauschen, es konnte die verschiedenen Launen der einzelnen Sätze geradezu sensitiv miterleben: das majestätische Allegro, das samtige Adagio mit seinen Dialogen zwischen Soloinstrument und Tuttiklang und das tänzerische Rondo des Finales.

Der Kabarettist und Musiker Konrad Beikircher hat über dieses Konzert einmal geschrieben, der Solopart fliege nur, „wenn der Solist die Pranke nutzen kann. Dann aber ist es eines der schönsten Klavierkonzerte, die es gibt.“ Auch wenn Gerstein das Wort „Pranke“ hier wahrscheinlich nicht ganz so passend fände, interpretierte er seine Kadenzen doch in ebendiesem Sinne: mit selbstbewusstem Anschlag, der sich dennoch stets dem Gesamtklang verpflichtet fühlt. So wurde das Sinfonische einmal mehr überzeugend wörtlich genommen.

Das nächste Mainzer Meisterkonzert findet am 13. März 2011 um 19.30 Uhr in der Rheingoldhalle statt. Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz wird unter der Leitung von Karl-Heinz Steffens Werke von Claude Debussy, Béla Bartók und Johannes Brahms spielen; Solist des Abends ist der Pianist Antti Siirala.

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