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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Partita ohne Patina

JOHANNISBERG – Das Konzert „Bach: Das Klavierwerk“ war mit einer schlichten römischen 5 untertitelt: Konstantin Lifschitz hat einen weiteren Schritt auf seinem Weg, seinem Rheingauer Publikum den gesamten Zyklus des Thomaskantors vorzustellen, getan. Diesmal waren die Partiten BWV 825 bis 827 die Meilensteine.

Doch bevor man sich dem sinnlichen Spiel des russischen Pianisten hingab, galt es am Nachmittag vor dem Konzert ein kleines Experiment zu wagen: Bachs Partiten BWV 825, 826 und 827 auf CD. Und zwar mit Pieter-Jan Belder, wobei der Interpret in diesem Fall nicht das Wichtige ist: Belder spielt die Stücke im Rahmen seiner Gesamteinspielung des Bachschen Klavierwerks auf einem – wenn auch neuen – Cembalo: Silbrig klingen da die Arpeggien, perlen die Läufe und metallen flimmern die Akkorde. Man ist also präpariert – und eben doch nicht.

Denn das Instrument von Konstantin Lifschitz ist der Flügel, im Rahmen des Rheingau Musik Festivals auf Schloss Johannisberg ein Steinway. Der „Gefahr“, allein durch die Wahl des modernen Konzertflügels Bach zu romantisieren, begegnet Lifschitz mit unaufgeregter Eleganz. Denn ist es nicht doch ein Cembalo, was man da hört? Nur, dass es optisch und akustisch an Farbe gewonnen, dass es zugelegt hat – und was soll man sagen: Es steht ihm!

Aber auch wenn der Pianist die Möglichkeiten des Flügels bewusst nicht ausreizt, um seinen Bach nicht zu verwässern, nutzt er sie doch: Mit galanter Geste nimmt sich Lifschitz der a-moll-Partita an, poliert hier harmonische Miniaturen und mischt die noble Anmut pointiert in Burlesca und Scherzo auf. Die Sarabande der B-Dur-Partita modelliert er fast schon zur angejazzten Adaption eines Jacques Loussier ohne begleitende Combo, um dann in den folgenden Menuetten gleichsam mit durchgedrücktem Kreuz die reine Lehre zu spielen.

Lifschitz will dem alten Meister zu Leibe rücken, ihn kitzeln, gegen den Strich bürsten und für sich entdecken. Was dabei heraus kommt, ist in der Tat etwas Neues. Bach auf dem Klavier alleine ist es nicht. Aber Lifschitz‘ Hände fliegen über die Tasten, während er der konzertanten Atmosphäre entrückt scheint: Er pflegt einen weichen Anschlag und wenn die rechte Hand etwas dominanter zugreift, scheint die linke im Bass das durch samtigen Klang ausgleichen zu wollen.

Der Pianist sagt von seiner Musik, er wolle in ihr der Natur nachgehen, um diese vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen zu lassen. Und auch wenn man sicherlich zu weit geht, in Bachs Partiten explizite „Naturlaute“ im Sinne Gustav Mahlers zu suchen, bringt der Künstler mit den Saiten des Flügels auch bei seinem Publikum eine emotionale Saite zum Schwingen. Statt Landschaften und florale Bilder kommt einem aber eher die Fauna in den Sinn: Geschmeidig wie eine Katze klingt sein Spiel in den dicht genommenen Sätzen der c-moll-Partita und dann flitzen seine Finger in der Gigue von BWV 825 schnell wie flinke Ameisen über die Tasten: Hier ist es wieder, dieses Filigrane des Cembalos!

Konstantin Lifschitz stellt „seinen“ Bach, seine Auffassung, sein Bild von dieser feinen und doch strengen Musik vor und bläst mit frischem, vitalem Atemzug die Patina, die man mit der eher nüchternen Interpretation auf dem Cembalo verbinden mag, hinweg. Der Pianist soll einmal gesagt haben, er sei mit seinem Bach-Spiel nicht sehr zufrieden. Wenn dem auch an diesem Abend so war, dürfte er auf Schloss Johannisberg mit seiner Meinung jedoch mutterseelenalleine dagestanden haben.

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