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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wissen und Können Hand in Hand

MAINZ (1. Dezember 2011). Um dem großen Publikumsinteresse am Abschlusskonzert der ersten Mainzer Musikdozentur – einem Gemeinschaftsprojekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur sowie Barock Vokal an der Hochschule für Musik – Herr zu werden, reichte der Rote Saal auf dem Universitätscampus nicht aus, so dass man die Klänge auch in den Orgelsaal übertrug. Kein Wunder, war der erste Dozent doch der international renommierte Barockspezialist Ton Koopman: Der Niederländer ist nicht nur ein Meister an Orgel und Cembalo, sondern auch weltweit geschätzter Dirigent des Amsterdam Baroque Orchestra und Choir.

Einen Einblick in die historische Aufführungspraxis erlaubte er während seiner Musikdozentur nicht nur den jungen Sängerinnen und Sängern von Barock Vokal, sondern auch dem Auditorium in einem sympathischen Vortrag über die Rezeption der Musik Bachs. Wobei man amüsiert anmerken möchte, dass ein Student, würde er das angekündigte Thema – nämlich die Bach-Kantaten 173 und 127 – so ohrenfällig ausklammern wie Koopman es tat, mit einem empfindlichen Punktabzug rechnen müsste.

Der Niederländer ließ hier lieber die Musik selbst sprechen und griff für sein Referat einige Aspekte der sich verändernden Aufführungspraxis von Karl Richter mit großem Chor und modernen Instrumenten über Nicolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt, die die Ensembles reduzierten und auf historischen Instrumenten spielen ließen, bis in unsere Tage auf. Bach habe keinen großen Chor gehabt, aber nicht nur aus dieser Not heraus auf ein 16-stimmiges Ensemble gesetzt, um eine Balance zwischen Chor und Orchester zu schaffen. Doch jede gewonnene Wahrheit über die Musik Bachs sei nur gerechtfertigt, wenn sie ständig hinterfragt werde: „Mit dem, was man weiß, muss man kreativ umgehen und immer hoffen, dass es Menschen gibt, die noch mehr herausfinden.“

Welchen Weg Koopman hier in den vergangenen Tagen gegangen ist, zeigten die 13 Sängerinnen und Sänger von Barock Vokal gemeinsam mit dem bestens aufgelegten Neumeyer Consort in den Kantaten 173 „Erhöhtes Fleisch und Blut“ sowie 127 „Herr Jesu Christ, wahr‘ Mensch und Gott“. Im leicht sopranlastigen Tutti dennoch transparent überzeugte der Chor, während es bei den Solisten hörbare Unterschiede gab.

Begann Tenor August Schram durch zittriges Tremulieren bald zu nerven, entschädigte der Bass Julius Vecseys mit markanter Kraft, die reizvoll mit dem silbrig-knabenhaften Sopran Linda von Coppenhagens im Duett erklang. Eine andere Facette des Registers zeigte Sopranistin Alexandra Samouilidou mit vollem warmem Klang, der zart schwebend über dem die Sterbeglocken imitierenden Pizzicato der Streicher schwebte.

Die geforderte Balance zwischen Orchester und Chor wurde hier also Ereignis und das, was Ton Koopman forderte, umgesetzt: Theoretisches Wissen und interpretatorisches Können sollen sich nicht konkurrierend gegenüberstehen, sondern eine klangvolle Allianz eingehen. Mit der Inauguration der ersten Mainzer Musikdozentur ist hier sicherlich ein Schritt in diese Richtung gemacht worden.

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