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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Prachtvolle Klangkathedralen

KIEDRICH (23. August 2011). Ein Meer aus Notenständern und Wasserflaschen ist sozusagen das Bühnenbild in Kloster Eberbach, das einen aparten Kontrast zum frühbarocken Programm abgibt: Polyphone Vokalmusik italienischer Komponisten mit bis zu 40 Stimmen wird an diesem Abend in Kloster Eberbach erklingen.

Doch zu Beginn des Konzerts betreten nur ein paar Instrumentalisten das Podium – die Sängerinnen und Sänger des von Hervé Niquet geleiteten Ensembles „Le Concert Spirituel“ wählen den Weg durchs Kirchenschiff, wobei sie die Jungfrau Maria benedeien: Unisono, aber stimmgewaltig schreiten sie zum Klang von Zink, Dulzian und Barockposaune voran, bis sie die Bühne erklommen haben.

„Vierzigstimmige Klangkathedralen“ hieß das Programm, mit dem das Rheingau Musik Festival einmal mehr einen markanten Akzent in einer ohnehin stilistisch reichen Saison setzte. Diese Chormusik hört man nicht oft, braucht es hierfür doch Spezialisten, die in der Lage sind, aus der homogenen Mehrstimmigkeit auszubrechen und den Klang gleichbleibend transparent zu potenzieren.

„Le Concert Spirituel“ gehört eindeutig dazu, hat es mit Hervé Niquet doch einen Dirigenten, der sich der Grand Motet in der europäischen Musik verschrieben hat. Und damit Werken, die heute oft in Vergessenheit geraten sind: Claudio Monteverdi (1547-1643) dürfte an diesem Abend noch der bekannteste Tonsetzer gewesen sein. Von ihm erklang die achtstimmige Motette „Memento“, ein komponiertes Labyrinth, indem sich die Musiker jedoch mit beneidenswerter Intonation mühelos bewegten.

Auch wenn das Ensemble sich nicht so ganz an das abgedruckte Programm hielt und auch einige der angekündigten Werke unterschlug, war das Konzert ein purer Genuss: Motetten von Orazio Benevoli (1605-1672) und Franceso Corteccia (1502-1571) durchbrachen kunstvoll die „Missa sopra Ecco si beato giorno“ für 40 Stimmen von Alessandro Striggio (1537-1592).

Ein solch universales Klangerlebnis ist indes kaum zu beschreiben: Wie gleißendes Licht durchfluten die Linien und unfassbar weit ausgesungenen Bögen den sakralen Raum; tatsächlich hat man das Gefühl, als würde die versprochene Klangkathedrale just vor dem geistigen Ohr errichtet. Die Stimmen sind dafür im zweireihigen Halbrund aufgestellt, die Musiker dazwischen, so dass der Klang verschmilzt, ohne sich zu einem polyphonen Cluster zu mischen.

Stets sind die Instrumente durchhörbar, nie sticht eine einzelne Stimme ungewollt hervor, sondern findet nach ihrer Passage schwerelos den Weg ins vokale Gesamt zurück. Echos erklingen wie aus der Ferne und dynamische Wellen lassen einen das empfinden, was „Le Concert Spirituel“ in Striggios fünfchöriger Motette „Ecce beatam lucem“ verspricht: „…nos hinc attrahunt recta in paradisum.“ Zu deutsch: Sie ziehen uns geradewegs hinauf ins Paradies.

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