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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Endlich Sommer!

WIESBADEN (12. August 2011). Gäbe es eine Hitparade der klassischen Musik, manche Stücke hätten sich ihren Platz unter den „Top 10“ zementiert, darunter wahrscheinlich auf Platz 1: Vivaldis Concerto Op.8 Nr. 1 bis 4, besser bekannt als „Le quattro stagioni“ oder „Die vier Jahreszeiten“.

Alleine in der heimischen CD-Sammlung finden sich sieben verschiedene Einspielungen dieser Musik. Und auch Bearbeitungen: für fünf Trompeten, für Saxophon-Quintett, für acht Flöten, für Jazz-Trio. Immer wieder kann man etwas Neues entdecken in diesen so sattsam bekannten Klängen. Auch die Flötistin Magali Mosnier hat sich der „Jahreszeiten“ angenommen und sie wie zuvor schon Kollege James Galway für ihr Instrument eingerichtet. Im Rheingau Musik Festival spielte sie diese Version jetzt mit dem Ensemble I Musici di Roma.

Als Hinführung gaben die italienischen Barock-Spezialisten mit zwei weiteren Vivaldi-Konzerten hörenswerte Kostproben ihres Könnens und widerlegten gekonnt das ironische Vorurteil des „Vivaldi? Kennste einen, kennste alle…“: Im Concerto g-moll für Streicher und Basso Continuo (RV 157) gefielen die Musiker mit weit gespannten Bögen und eleganten Modulationen über der Passacaglia des Contiunos im Allegro des ersten Satzes. Dem gediegenen Adagio folgte dann der gepeitschte Duktus des finalen Allegros, mit dem I Musici di Roma einem Platzregen gleich auf die Witterung zu reagieren schienen, die ihr als Kreuzgang-Konzert geplantes Gastspiel in die Basilika von Kloster Eberbach „verbannt“ hatte. Kompakt und mit großer Klangdichte spielte man auch das Concerto G-Dur für zwei Violinen, zwei Violoncelli, Streicher und Basso continuo (RV 575), wobei die Künstler allerdings weitaus weniger Gewicht auf die so genussvolle Transparenz des ersten Konzerts legten.

Und dann wurde es endlich Sommer – wenn auch „nur“ ein Konzert lang. Magali Mosnier spielte Vivaldis „Jahreszeiten“ mit einer inspirierten Leichtigkeit, die natürlich vor allem an den markanten Stellen geradezu greifbar wirkte: Das Vogelzwitschern im „Frühling“, das Murmeln des Baches, die flirrende Sommerhitze. Im wachen Dialog mit den Streichern und dem Continuo gelangen der jungen Solistin hochvirtuose Passagen: gestoßene Töne im Presto des „Sommers“, perlende Läufe im Allegro des „Herbstes“ und klangintensive Bögen im Largo des „Winters“ boten dem Publikum hörenswerte Ideen, der Musik weitere bunte Facetten abzugewinnen. Vor allem das mit sich selbst wetteifernde Solo im ersten Satz von Nr. 2 war ein meisterhafter Moment.

Leider wurden die „Jahreszeiten“ jedoch durch die unvermeidliche Pause zerrissen, was die Einheit der vier Konzerte verdarb und dazu führte, dass Nr. 3 und Nr. 4 längst nicht mehr den gleichen Esprit atmeten wie die ersten beiden Partien aus Opus 8. Auch schienen sich I Musici di Roma zugunsten der Solistin mit origineller Spielfreude eher zurückzuhalten, denn letztendlich blieben große Überraschungen aus.

Man muss aus einem Vivaldi-Konzert kein Spektakel machen. Aber gerade diese „Gebrauchsmusik“ des Barock bietet mit ihren oft kleinen Finessen viele Möglichkeiten zu einer vitale(re)n Interpretation. Ohne Frage gelang den I Musici die Roma mit ihren „Le quattro stagioni“ und auch den anderen Werken von Vivaldi ein Stück äußerst soliden Handwerks – auf keinen Fall weniger, aber eben auch nicht mehr.

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