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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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An Dramatik nicht zu überbieten

MAINZ (30. Oktober 2016). Als Bischof Wilhelm Emmanuel Ketteler am 6. Oktober 1866 den Geistlichen Georg Victor Weber zum Domkapellmeister ernannte und damit beauftragte, den Mainzer Domchor zu gründen, war der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) schon fast 19 Jahre lang verstorben. Sein Œuvre, das heute beispielhaft für die Epoche der Romantik steht, gehörte somit zur damals zeitgenössischen Musik.

Mendelssohns Oratorium „Elias“, das am 26. August 1846 seine Uraufführung erlebte, hat den Mainzer Domchor, der mit dem Konzert im ausverkauften Gotteshaus die Feierlichkeiten anlässlich seines 150-jährigen Bestehens einläutete, in seiner Historie immer wieder begleitet: 1991 führte man es zur 125-Jahr-Feier auf und wirkte 2005 (mit Knabenstimme Gregor Möller und der Domkantorei) bei einer szenischen Aufführung am Mainzer Staatstheater mit.

Nun also erklang die alttestamentarische Geschichte um den Propheten Elias und das abtrünnige Volk Israel im 150. Jubeljahr erneut und zeigte, auf welch hohem Niveau in Mainz Musik gemacht wird. Wohlweislich, dass ein Konzert gerade mit einem Knabenchor in erster Linie immer eine Momentaufnahme ist, darf man mit Fug und Recht behaupten, dass der Mainzer Domchor aktuell von einer Güte ist, die in der langen Geschichte des Ensembles ihresgleichen suchen darf.

Die Knaben- und Männerstimmen halten während der Aufführung stets intensiven Blickkontakt mit Domkapellmeister Karsten Storck, kaum einer klebt an den Noten. Derart konzentriert können sie gemeinsam mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz eine Szenerie aufbauen, die den Zuhörer dank einer mit Transparenz und Homogenität gepaarten, berauschenden Klangfülle direkt ins Geschehen zieht und dort über zwei Stunden lang gefangen hält.

Das liegt natürlich auch an den exzellenten Solisten, allen voran Bass Christoph Prégardien, der seinem Elias eine natürlich Autorität verleiht und mit der Rolle herrlich intensiv spielt – etwa in der Szene, als er die Anhänger des Götzen Baal mit süffisanter Ironie fragt, ob ihr Gott spazieren gehe oder schlafe, anstatt helfend einzugreifen. Auch Dorin Rahardja (Sopran), Regina Pätzer (Alt) und Daniel Sans (Tenor), der früher selbst im Mainzer Domchor sang, berühren zutiefst – vor allem im hinreißenden Quartett. Und bei den Solisten darf einer nicht unerwähnt bleiben: Domchorist Clemens Billeb (Sopran) singt die Rolle des Knaben bemerkenswert sicher und hochprofessionell. Bravo!

Am meisten jedoch begeistert der starke Chor. Karsten Storck hat mit seinen Jungs hart gearbeitet und kann nun eine volle Ernte einfahren: Die Tuttipartien geraten intensiv und packend, dramatisch und leidenschaftlich, das berühmte Doppelquartett „Denn er hat seinen Engeln“ rührt fast zu Tränen. Auch der Einfall, das Vokalensemble des Mädchenchores am Dom und St. Quintin von der Nordchorette aus (und damit für das Publikum unsichtbar) das Terzett der Engel singen zu lassen, verleiht der Aufführung zusätzlich Grandezza.

Der Sturm der Begeisterung, der am Ende durch den Dom fegt, bläst buchstäblich alles hinweg. Was bleibt, ist Erfüllung – und die Erkenntnis, dass sich das Bistum Mainz als Träger der Musica sacra und mit ihm alle musikliebenden Mainzer Bürger stolz und glücklich schätzen dürfen, einen solchen Chor zu haben. Hier wie in den anderen Ensembles am Dom gelang und gelingt es den Verantwortlichen seit 150 Jahren immer wieder neu, junge Menschen für die Musik aller Epochen zu begeistern und sie, wie an diesem Abend, mehr als ergreifend aufzuführen. Bravissimo!

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