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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Harmonisches Wogen

MAINZ (6. April 2014). Schon allein dafür, dass Domkapellmeister Karsten Storck 2014 nicht noch eine weitere Johannespassion in Mainz zur Aufführung gebracht hat, gebührt ihm Anerkennung. Natürlich ist nichts gegen diese wunderbare Musik Johann Sebastian Bachs zu sagen, doch häufen sich in den Spielplänen der verschiedenen Chöre saisonal immer wieder bestimmte Werke, so dass es gut tut, Neuland zu entdecken. Wobei: In der Qualität, in der sich die Musica sacra in diesem Domkonzert präsentierte, wäre auch eine barocke Passion ein Genuss.

Stattdessen baute Storck mit der Bach-Kantate 38 „Aus tiefster Not“, dem „Christus“-Fragment (Opus 97,2) von Felix Mendelssohn Bartholdy und „Les sept denières paroles du christ en croix“, der Vertonung der sieben letzten Worten Jesu am Kreuz von César Franck ein Konzertprogramm, dessen dramatische Struktur wohl durchdacht war: Verzweiflung, Verurteilung und Hinrichtung, dargestellt in der Musik verschiedener Epochen – das Thema war und ist brandaktuell.

Den Anfang machte die durch die Männerstimmen des Mainzer Domchors verstärkte Domkantorei St. Martin, begleitet vom Mainzer Domorchester. Man mag zu opulenten Besetzungen stehen wie man will und ihnen ja vielleicht schlankere Ensembles vorziehen – der satte Klang, den Chor und Orchester hier musizierten, war beeindruckend und klar legte sich der Cantus firmus des Soprans im Eingangschor über das harmonische Wogen der anderen Stimmen.

Aus dem Solistenquartett, das Bach für diese Kantate einsetzt, stachen neben Inga-Britt Andersson (Sopran) der sonore Bass von Sebastian Pilgrim, der elegante Alt von Susanne Schaeffer und vor allem der kantable Tenor von Christian Rathgeber hervor. Leichtfüßig gelang ihm seine Arie „Ich höre mitten in den Leiden“ und man merkte: Hier stehen Text und Musik im Vordergrund; dass sich der Sänger selbst zurücknimmt, macht ihn nicht kleiner, sondern seine Stimme im Dienste der Exegese größer. Das kraftvolle Terzett aus Sopran, Alt und Bass leitete über zu Bachscher Choralseligkeit, die ihren Ausdruck gerade in der großen Besetzung fand.

Dass zwischen den einzelnen Sätzen nicht geklatscht wurde, ist im Dom eine Selbstverständlichkeit. Angenehm überraschte allerdings, dass das Publikum mit seiner Gunstbezeugung tatsächlich bis zum Schlusston des Franck-Werks wartete, wodurch das Konstrukt, das im Programmheft als musikalisches Triptychon vorgestellt wurde, seinen Spannungsbogen ohne Kompromisse beibehalten konnte.

Nun also Mendelssohn Bartholdys eher unbekanntes „Christus“-Fragment als Teil eines nicht vollendeten Oratoriums: Storck wählte mit Bedacht die zweite Partie der Verurteilung Jesu mit ihrer Theatralik als Kontrapunkt zum meditativen Franck. Chor und Tenor waren hier die Protagonisten und Rathgeber bewies beeindruckende Fähigkeit zu dramatischer Empathie. Statt in der Evangelistenrolle zu verharren, was eher distanziertes Erzählen und objektive Distanz erfordert, ließ diesen „Berichterstatter“ das Objekt seiner „Reportage“ nicht kalt. Schließlich war auch der Chor mit einem Feuereifer dabei, der an Mendelssohn Bartholdys „Elias“ oder „Paulus“ erinnerte: Das von Paukenwirbel angekündigte und mit grandiosem Crescendo angestimmte „Kreuzige ihn“ der Menge war schlicht erschütternd. Versöhnlich beruhigte nach dem tragischen Klagelied „Ihr Töchter Zions“ der von den Männerstimmen intonierte Schlusschoral: romantischer Impetus, der zu Herzen ging.

So wie Rathgeber als „Reporter“ erging es dem Berichterstatter im ersten Satz der vom Mainzer Domchor gesungenen „Les sept denières paroles du christ en croix“ Francks: Aus dem Ensemble trat David-Jakob Schläger hervor, der mit berückend schönem Knabensopran das Augenmerk auf den leidenden Heiland lenkte. Nach so einer Stimme lecken sich die deutschen Knabenchöre die Finger!

Wie in den beiden Stücken zuvor erwies sich das Mainzer Domorchester als zuverlässiger Begleiter, das mal im kammermusikalischen Duktus, mal mit eruptiver Kraft musizierte. Ergreifend geriet hier der harfenbegleitete Bläserchoral im siebten Satz. Auch der Chor zeigte sich bestens vorbereitet und in der Musik zuhause. Besonders gelang ihm die vom Komponisten seltsam verstörend gestaltete beschwingte Leichtigkeit, mit der der vokale Klangkörper die ergänzenden Bibelworte im sechsten Satz intoniert.

Zu den Solisten gesellte sich Ewardo Stenzowski, dessen blutvoller Tenor sich vor allem im Zusammenspiel mit Rathgebers sportlichem Ton als Teil eines markanten Duetts erwies. Auch wenn die Leidenschaft Stenzowskis urplötzlich das Verlangen nach Pasta und Wein auf rot-weiß-kariertem Tischtuch weckte, ließ einen die Leichtigkeit, mit der der Sänger das hohe c nahm, doch staunen. Hier durfte das Publikum auch erneut den tiefschwarzen Bass Pilgrims bewundern, der mit sauberen Oktavsprüngen die Christusworte kernig wiedergab.

Irgendwann wird Karsten Storck im Dom auch eine Passion von Johann Sebastian Bach dirigieren – die Leiden- und Mannschaft hierfür sind vorhanden. An diesem Abend jedoch hob er sich mit einer intelligenten Programmgestaltung wohltuend vom Mainstream ab. Dass man auch damit den Dom füllen kann und sich ganz nebenbei gegen andere lukrative Programme – unter anderem wurde in Mainz am gleichen Tag Händels „Messias“ aufgeführt – behaupten kann, zeigt, dass die Musica sacra unter Storcks Führung auf dem richtigen Weg ist.

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