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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ensembles am Mainzer Dom in Bestform

MAINZ (22. Dezember 2013). Das Label Chandos vereinte Anfang der 90er Jahre das Magnificat von Johann Sebastian Bach und das Gloria Antonio Vivaldis in einer sowohl interpretatorischen als auch besetzungstechnisch brillanten Einspielung unter der Leitung von Richard Hickox. Beide Werke passen einfach hervorragend zueinander – zumal an Weihnachten: lebendiges Gotteslob im prachtvoll barocken Gewand.

Der Mainzer Domkapellmeister Karsten Storck empfindet offenbar genauso wie sein britischer Kollege vor über 20 Jahren und wählte beide Werke für das weihnachtliche Domkonzert am vierten Advent aus – gemeinsam mit Bachs Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Und er sorgte dafür, dass die genannte CD in diesem Jahr eigentlich nicht mehr aufgelegt werden musste.

BWV 140 eröffnete denn auch das jüngste Konzert im bis auf den letzten Stehplatz ausverkauften Dom. Begleitet vom Mainzer Kammerorchester sang der Mainzer Domchor und unterstrich die Meinung seines Dirigenten, dass Knabenchor „die Königsklasse“ sei – bei Bach sowieso: Strahlend lässt der Chorsopran den Cantus firmus über dem Notenkonstrukt, das der Thomaskantor den anderen Stimmen zugedacht hat, erschallen; die Koloraturen im „Halleluja“ sind gestochen scharf und ermöglichen es dem Chor, der Domakustik wirkungsvoll Paroli zu bieten.

In getragenerem Tempo lässt Storck die delikaten Duette von Solosopran und -bass singen; Sabine Goetz fragt zurückhaltend und Thilo Dahlmann antwortet so bestimmt, dass man die geäußerte Zusage als weihnachtliches Versprechen auffasst: „Wann kömmst Du, mein Heil? Ich komme, Dein Teil.“ Auch Tenor Christian Rathgeber ist bestens aufgelegt – und das nach zwei „Messias“-Aufführungen an den Tagen zuvor in Mannheim und Mainz: Er begeistert mit lyrisch-leichter Stimme – ein Glücksgriff und im Dom ein neues Gesicht, das man hier gerne öfter sehen und vor allem hören möchte! Rathgeber singt nicht nur die Noten, sondern vor allem den Text, blüht kraftvoll auf als der Choral von Gottes Macht spricht und in den Freudensaal einlädt.

Der festliche Glanz des „Gloria“ leitet über zu Vivaldi – und man darf die zuvor gesungenen Verse durchaus wörtlich nehmen, denn: „Kein Ohr hat je gehört…“: Die Knaben machen dem Mädchenchor am Dom und St. Quintin Platz und Domkapellmeister Storck seinem Kantor Matthias Bartsch. Beide haben Vivaldis RV 589 für drei- bis vierstimmigen Frauenchor umgeschrieben, sind dabei jedoch der Notation und Stimmung des Werkes treu geblieben. Anfangs klingt dieses Gloria natürlich ungewohnt schlank, doch hört man sich schnell und gerne in den transparenten und in allen Registern mit leistungsstarken Stimmen besetzten Gesang der jungen Damen ein.

Hier wird das kunstvoll modulierte „Et in terra pax“ ebenfalls zum berückenden Erlebnis, was von den Solisten – zu Sabine Goetz hat sich Altistin Regina Pätzer gesellt – sowohl einzeln als auch im Duett noch intensiviert wird: Pätzers glutvoller Alt wird von Goetz‘ gradlinigem Sopran kunstvoll girlandengleich umwoben. Domkantor Bartsch führt seine Damen und das Mainzer Kammerorchester mit gelassenem Schlag und zeigt, dass er der richtige Mann am richtigen Platz ist, die erfolgreiche Arbeit seines Domkapellmeister stringent weiterführt.

Erst die Knaben, dann die Damen und zum Schluss das gemischte Ensemble der Domkantorei St. Matin unter der Leitung von Karsten Storck mit Bachs Magnificat, jenem „Best of“ des Thomaskantors: Brillant musizierfreudig gehen Chor und Orchester hier zu Werke und überzeugen mit kerniger Diktion sowie voluminösem Chorklang, der vor Ort keine Vergleiche zu scheuen braucht. Den Solisten hat Bach hier kleine, feine Arien zugedacht, denen sich das Quartett des Abends mit nun schon gewohnter Noblesse widmet.

Und das, was zuvor über Rathgeber zu lesen war, gilt auch für alle anderen Künstler des Abends – ganz gleich ob Solist, Orchestermusiker, Chorist oder Dirigent am Pult: Auf Wiederhören! Mit Karsten Storck und Matthias Bartsch hat die Musica sacra am Mainzer Dom namentlich im vokalen Bereich ein neues Gesicht mit frischer Farbe bekommen, das einem in jedem Takt klangvoll anstrahlt. Ein schönes Geschenk, nicht nur zu Weihnachten.

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