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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schwelgen in klingenden Sphären

MAINZ (13. Oktober 2013). Die klassische Musik ist Teil der hehren Kunst – und dankbarer Melodienspender für Hollywood und die Werbeindustrie. Im Film „Kevin allein zuhaus“ dient Tschaikowskis „Nussknackersuite“ als Soundtrack, im Antikriegs-Epos „Platoon“ ist es Barbers „Adagio for strings“. Und wenn im Fernsehen früher für Joghurt geworben wurde, erklang Tschaikowskis Klavierkonzert, bei Dosengemüse war es der Radetzkymarsch und Verdis „La donna è mobile“ für einen Schokosnack.

Kein geringerer als Walt Disney ließ sich ebenfalls von der Klassik inspirieren: Als er seine Micky Mouse als Goethes „Zauberlehrling“ im Film „Fantasia“ auftreten ließ, wählte er „L’apprenti sorcier“ von Paul Dukas als Vertonung. Zwar flitzte einem der putzige Nager nicht dauernd vor dem geistigen Auge herum, als die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Fabrice Bollon das jüngste Mainzer Meisterkonzert in der Rheingoldhalle eröffnete, doch schafften die Musiker es mühelos, das in Töne gefasste Poem aufregend zum Leben zu erwecken.

Auch wenn die c-moll-Sinfonie op. 68 von Johannes Brahms den Löwenanteil des Programms ausmachte, war es doch vor allem Dukas‘ „Zauberlehrling“, bei dem die Staatsphilharmonie mit packender Sinfonik aufspielte: Wie Bollon das Thema anfangs ganz zart hintupft und sich die Bläser luftig auf den hauchzarten Streicherklang setzen hat große Klasse!

Dynamisch ansprechend austariert lässt der Dirigent in einem gefühlt unendlichen Crescendo die Dramatik des Geschehens anschwellen und man erlebt die Panik des Magier-Eleven hautnah mit, als der verhexte Besen immer mehr Wasser heranschafft: Goethes „Walle, walle!“ wird hier Ereignis und das stapfende Fagott wie die flutenden Streicher spielen amüsant vital: Als der Zauberlehrling den Besen spaltet erwachen zwei Teile erneut zum Leben, hier fast schon plastisch verkörpert von Kontrafagott und Bassklarinette. Der Staatsphilharmonie gelingt hier in der Tat ein Stück Musik „zum Anfassen“: packend und ergreifend.

Gleiches verstand auch der Solist des Abends, der zur großen Sinfonik mit dem ersten Cellokonzert a-moll op. 33 von Camille Saint-Saëns einen wohligen Kontrapunkt setzen durfte: Claudio Bohórquez spielt mit einer Akribie, die heiligen Ernst mit hinreißender Spielfreude verbindet.

Wie in einem Ballett zieht der Cellist hier traumversunken seine Bahn, während sich das Orchester dezent im Hintergrund drapiert: Elegante Kantabilität, deren Wärme sich wie ein flauschiger Schal ums Gemüt legt, steht hochvirtuos ausmusizierten Läufen gegenüber. Und wie innig sich Bohórquez auch in die Barockmusik versenken kann, bewies er mit einer brillant schlichten Sarabande aus Bachs dritter Cellosuite in der Zugabe.

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