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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Clowneske Saitenakrobatik

MAINZ (4. April 2014). War in der Besprechung des jüngsten Mainzer Meisterkonzerts davon die Rede, dass die Reihe nach mehrwöchiger Pause quasi aus dem Winterschlaf erwacht sei, verstärkte sich dieser Eindruck während der zweiten sinfonischen Soiree der Saison: Nicht nur der Titel („Farbiges Spektakel“) gemahnte an den Frühling – auch die Lebendigkeit, mit der die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Alejo Peréz musizierte, hatte Saft und Kraft, überzeugte durch klangliches Aufblühen.

Wie Unrecht Igor Strawinsky (1882-1971), dessen D-Dur-Violinkonzert zur Aufführung kam, doch hatte, als er behauptete, Musik drücke grundsätzlich nichts aus! Spätestens die Solistin des Abends, die Geigerin Baiba Skride, widersprach dem Komponisten entschieden und glänzte in ihren Partien. Das Konzert hatte der Tonsetzer zwar weniger als Stück der Ausdrucksmusik seiner Zeit als vielmehr Retrospektive in die Musikgeschichte geschrieben, dennoch ist der Duktus dieses Werks tänzerisch leicht – eine Vorlage, die Skride dankbar aufnahm und verwandelte.

Gleich zwei Mal hat Strawinsky hier Sätze mit „Aria“ überschrieben und vor allem in der zweiten brillierte die Solistin, die hier quasi einen Dialog zwischen dem Komponisten und seinem verehrten Kollegen Johann Sebastian Bach zu moderieren hat. Über ihn sagte Strawinsky: „Wie unvergleichlich ist Bachs instrumentale Schreibweise. In seinen Geigenpartien kann man das Harz riechen.“ Und dennoch vernahm man vor allem Strawinsky mit all seiner vitalisierend-verstörenden Dissonanz: Im finalen „Capriccio“ meisterte Skride die clowneske Saitenakrobatik und gefiel in der eröffnenden „Toccata“ mit virtuosem Spiel.

Auf der Stradivari „Ex Baron Feilitzsch“ von 1734, einer Leihgabe des Violinisten Gidon Kremer, gab es mit der Zugabe dann doch noch Bach zu hören: die Sarabande aus der zweiten Partita für Violine d-moll. Skride betörte hier mit zartem Schmelz – dass ausgerechnet hierbei ein Handy klingelte, war ärgerlich und schmerzlich zugleich.

Ging es bei Strawinsky hoch her, hatte Joseph Haydns Sinfonie Nr. 22 zuvor die Gelegenheit zur meditativen Einkehr geboten. Im ersten Satz wendet der Komponist seinen Blick – wie der russische Kollege hin zu Bach – auf die alte Technik der Choralbearbeitung. Das Thema wird hier von zwei Englischhörnern vorgetragen. Kantables Spiel der Deutschen Staatsphilharmonie paarte sich hier mit der feinsinnigen Dynamik, mit der Peréz vor allem das Adagio des ersten Satzes gestaltete: Elegante Linien wurden hier in ein hingetupftes Pianissimo gezogen, aus dem das Orchester mit akzentuiertem Einsatz der Bläser wieder hervortrat. Und in der Tat erinnerte der stapfende Komplementärrhythmus an das nachdenkliche Wandeln eines Geistesmenschen, was der Sinfonie auch den Beinamen „Der Philosoph“ gab.

Gegenüber dem klein besetzten Haydn nahm sich die D-Dur-Sinfonie op. 43 von Jean Sibelius im zweiten Teil dann geradezu ausladend opulent aus: In der breiten Durchführung wird das Tonmaterial in motivische Floskeln und Themensplitter aufgespaltet und neu kombiniert, was vom Orchester aus Ludwigshafen mit Verve und Spielfreude abgebildet wurde. Auch dieses Werk hat einen Untertitel: „Sinfonie der Unabhängigkeit“. Hervorgerufen wurde der patriotische Gestus des Werkes durch die Politik von Zar Alexander III., der das damalige Großfürstentum Finnland auch kulturell immer enger an das Russische Reich zu binden suchte.

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