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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Beseeltes Musizieren

MAINZ (1. Mai 2014). Am „Tag der Arbeit“ hat die Republik frei – zumindest die meisten ihrer Bewohner. Manche haben natürlich trotzdem zu tun: Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte – und eben auch so mancher Künstler. In Mainz sorgte jetzt das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung von François-Xavier Roth für einen festlichen Abschluss des Feiertags. Überschrieben war das Konzert mit „Inspiration“. Und gemessen am beseelten Musizieren, mit dem der Klangkörper den Abend gestaltete, hatten die Interpreten offenbar tatsächlich so manche Eingebung.

Im vorletzten Meisterkonzert der Saison begrüßte das Publikum in der Rheingoldhalle mit Fazil Say außerdem einen Solisten der Extraklasse: Die Kritik sagte von diesem türkischen Pianisten bereits, er werde „einer der größten Künstler des 21. Jahrhunderts“ sein.Wer Say mit dem G-Dur-Klavierkonzert von Maurice Ravel (1875-1937) hörte, konnte die Begeisterung des Rezensenten der französischen Zeitung „Le Figaro“ durchaus nachvollziehen: Dem Pianisten gelang es meisterhaft, sich in den Orchesterklang zu versenken, um für die rasanten solistischen Intermezzi pfeilschnell hervorzutreten. Die Virtuosität dieses Künstler liegt dabei in ihrer schlichten Selbstverständlichkeit: Der Flügel ist für Say kein Werkzeug, er ist schlicht eine weitere Extremität, mit der er dynamisch und agogisch Emotionen weckt.

Dabei lernte das Publikum den Solisten von zwei Seiten kennen: zum einen als einfühlsamen Pianisten, der besonders das Adagio assai des Ravel-Konzerts mit einer inniger Zärtlichkeit nicht nur spielte, sondern lebte – und zum anderen als übermütigen Tastenakrobaten, der die konzertant-sinfonischen Jazz-Elemente, die Ravel in seine Stück eingewoben hat, genussvoll goutiert.

Der Auftritt Says wurde von einer musikalischen Klammer gerahmt, für die sich ihre Schöpfer vom folkloristischen Gestus inspirieren ließen. Bei seinen „Images pour orchester“ standen Claude Debussy (1862-1918) entsprechende Themen aus England, Frankreich und Spanien Pate und in seinem „Concert Românesc“ hatte GyörgiLigeti (1923-2006) Volksweisen (seiner rumänischen Heimat) verarbeitet. Ihnen spürte der sinfonische Klangkörper pointiert nach – mit weich-warmem Streicherklang im Andantino des ersten Satzes, einer hinreißenden Mixtur aus filigranem und monumentalem Klang im Allegro, schemenhaften Dialogen der Bläser im Adagio und einer getriebenen Dramatik im finalen Vivace. Noch packender gerieten dem Orchester die sphärischen Cluster in Ligetis „Lontano“: Das Publikum versank förmlich in der bizarren Klangschönheit des tonalen Wogens.

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