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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Filigrane Zerbrechlichkeit

MAINZ (14. April 2018). Welch ein spannendes Interview die Geigenvirtuosin Julia Fischer dieser Zeitung jüngst gewährte, denn manche ihrer Aussagen zum CD-Markt oder zur Gestaltung von Konzertprogrammen waren durchaus dazu geeignet, Widerspruch zu provozieren. Ganz im Gegenteil hierzu ging man mit ihrer Interpretation von Benjamin Brittens Violinkonzert op. 15 konform. Und auch das SWR -Symphonieorchester unter der Leitung von Thomas Søndergård ließ keine Wünsche offen.

Etwas ganz anderes störte das Konzert indes empfindlich: War es die Lüftung oder die Bühnenbeleuchtung in der Rheingoldhalle? Irgendetwas brummte derart laut, dass es einem die intensiv musizierten Pianostellen nicht nur in Brittens Konzert, dessen zauberhafte Solokadenz mit ihrer zerbrechlichen Zartheit und erst recht die von Fischer eigentlich gefühlvoll interpretierte Sarabande aus der d-moll-Partita von Johann Sebastian Bach in der Zugabe zutiefst vergällte.

Himmel, so etwas muss dem Hausherrn doch auffallen, denn für eine derart störende, obligate Geräuschkulisse will kein Publikum teure Tickets bezahlen – ärgerlich und peinlich zugleich! Es bleibt zu hoffen, dass hier für das letzte Meisterkonzert der Saison am 20. Mai eine Lösung gefunden wird – um das anrührende Cellospiel Lynn Harrels wäre es nämlich ebenfalls jammerschade.

Schaffte man es mühevoll, über das Brummen hinwegzuhören, so erlebte man allerdings eine ganz zauberhafte Julia Fischer, die mit dem SWR-Symphonieorchester geradezu zu einer Einheit verschmolz. Der erste Einsatz der Violine klang, als wehte er aus einer anderen Welt hinüber; und doch war Fischers Spiel aus Fleisch und Blut, voll pulsierender Viralität. Der Klangkörper bot flächiges Kolorit, in dem sich die Soli Fischers glänzend spiegelten und brechen konnten. Die Künstlerin verfügt in allen Lagen über die gleiche Kraft, egal ob pianissimo angezupft oder mit Verve forte gestrichen.

Brittens Violinkonzert erklang zwischen zwei Werken, die sich mit ihrer Atonalität durchaus als klangliche Spiegel erwiesen: Die Ouvertüre bildete das Tongedicht „…but all shall be well“ des 1971 geborenen britischen Komponisten Thomas Adès, den zweiten Teil gestaltete der renommierte Klangkörper mit der es-Moll-Sinfonie op. 111 von Sergej Prokofjew. Nicht nur hier beeindruckte das SWR-Symphonieorchester mit seiner Geschlossenheit: Bei Adès ließ es seine Klangfarben zu einem atemberaubenden Ton-Aquarell zerlaufen. Und obwohl sich die weltpolitische Lage bei Drucklegung des Programms noch nicht derart zugespitzt hatte, war diese Musik Kunst wie Statement zugleich, handelt sie doch vom Optimismus selbst im Angesicht drohender Katastrophen.

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