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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sinfonische Märchenstunde

MAINZ (18. April 2015). Musik erzählt: zuweilen Geschichten, die klanglich untermalt werden oder tonal skizzierte Szenen – die Programmmusik beginnt bereits im Barock, man denke nur an die „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. In dieser Tradition stehen auch zahlreiche Tondichtungen der Romantik und folgender Epochen, aus deren Reigen die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Leitung von Titus Engel das Programm des jüngsten Mainzer Meisterkonzertes mit dem Titel „Fabelhaft“ zusammengestellt hatte.

Der Abend begann und endete sozusagen „im Nassen“: Mit der sinfonischen Dichtung „Der Wassermann“ op. 107 von Antonín Dvořák (1841-1904) eröffnete der Klangkörper die Soiree in der Rheingoldhalle, mit dem genregleichen Werk „Die Seejungfrau“ Alexander von Zemlinskys (1871-1942) endete man. Dazwischen begrüßte die Deutsche Staatsphilharmonie die lettische Violinistin Baiba Skride, die das Mainzer Publikum bereits 2011 im Musiksommer und 2014 ebenfalls in einem Meisterkonzert erleben durfte.

Für ihre Interpretation von „Lichtes Spiel, ,Ein Sommerstückʽ für Violine und Orchester“ des 1952 geborenen Komponisten Wolfgang Rihm hatte sie mit Dirigent Engel einen kompetenten Partner an ihrer Seite, denn der hat sich auf diversen Festivals für zeitgenössische Musik einen klingenden Namen erarbeitet. Rihm öffnet den Raum für die persönliche Interpretation seiner Musik ins Unendliche, doch vor der Bodenlosigkeit rettete den Zuhörer das Spiel der Solistin: Sie verschmolz mit dem sparsam besetzten Tutti und löste sich schwerelos aus dieser klanglichen Umarmung. Mit unglaublichem Schmelz, dessen filigraner Geist sich fast bis zur Zerbrechlichkeit verschlankte, band sie introvertiertes Spiel mit expressiver Geste. Skrides Spiel und Rihms Schreibweise ließen plastisch Dargestelltes hörend erleben.

Der schrieb das Werk vor wenigen Jahren für die Geigerin Anne-Sophie Mutter, die darin Anklänge an Shakespeares „Sommernachtstraum“ sah. Diese Verknüpfung drängte sich auch beim Eröffnungswerk auf: Das Flirrende und Schwebende aus der Adaption durch Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) ist auch Dvořáks „Wassermann“ eigen – wie die teils deutliche Darstellung der Geschichte um die junge Frau, die vom Namensgeber in ein nasses Zusammenleben gezwungen wird und, nachdem sie ihm ein Kind geboren hat, noch einmal zu ihrer Mutter an Land darf. Da sie nicht zum vereinbarten Zeitpunkt zurückkehrt, sucht sie der Wassermann und tötet den Säugling.

Dem Komponisten ging es wie seinem Kollegen von Zemlinksy in dessen Märchenvertonung nach Hans Christian Andersen allerdings nicht um eine tongenaue Wiedergabe der Sagen: Beide überlassen es vor allem dem Orchester, die Geschichte zu erzählen. Das gelang der Deutschen Staatsphilharmonie über weite Strecken passabel, doch störten zuweilen unsaubere Einsätze der Blechbläser. Den Geist der Werke hatte man jedoch in seiner Breite erfasst und ließ bei der „Beschreibung“ von See und Meer durchaus eine Räumlichkeit entstehen, die einem Bühnenbild gleich berauschende Klangkulisse für die „Märchenerzählungen“ war.

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