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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Dirigent und Solist in Personalunion

MAINZ (22. November 2015). Die Mainzer Meisterkonzerte haben viele Programme, und meist die gleiche Regie: Orchesterwerke rahmen das Spiel der namhaften oder (noch) unbekannteren Solisten ein. Jetzt griff der Dirigent Karl-Heinz Steffens selbst zu „seinem“ Instrument.

Im wohl berühmtesten Liebesdrama, William Shakespeares „Romeo und Julia“, ist es die Lerche und nicht die Nachtigall, die den Tag ankündigt und das Paar zur Trennung drängt – in der sinfonischen Dichtung „Die Waldtaube“ op. 110 von Antonin Dvořák ist der Gatte bereits tot, ermordet von der Gemahlin, die sich alsbald neu bindet, aber vom schlechten Gewissen eingeholt wird. Dies wird abgebildet durch das anklagende Gurren der namengebenden Waldtaube. Dem Wahnsinn verfallen nimmt sich die Ex das Leben.

Op. 110 ist eines jener eher selten zu hörenden Werke Dvořáks, die meist von den „Slawischen Tänzen“ oder der „Moldau“ gleichsam übertönt werden. Umso reizvoller fiel daher der Beginn des jüngsten Mainzer Meisterkonzerts aus. Unter der Leitung von Karl-Heinz Steffens intonierte die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz jenes Schauermärchen, wobei es der Klangkörper treffend verstand, die Balance zwischen dem Geschichtenerzählen und dem Kolorieren eines tonalen Gemäldes zu finden.

Elegisch und mit weiten Bögen skizzierte Steffens die Handlung, deren Dramatik nicht nur mit dynamischem Crescendo zunahm: Da ist das stählern klingende Blech, da sind die samtigen Streicher – vor allem im versöhnlichen, sphärisch ausklingenden Finale klang das Orchesterspiel besonders anrührend.

Hatte das Wiedersehen, respektive Wiederhören mit der ersten Liebe für die Mörderin selbst tödliche Folgen, verlief das anschließende Treffen sehr viel harmonischer. Denn „Erste Liebe“ war auch der Titel des Meisterkonzerts und bezog sich auf den Solisten des Abends: Karl-Heinz Steffens. Bis ins Jahr 2007 saß er bei den Berliner Philharmonikern am Pult der ersten Klarinette, bevor er seine äußerst erfolgreiche Dirigentenlaufbahn einschlug, die ihn in der Saison 2009/2010 schließlich zur Staatsphilharmonie nach Ludwigshafen führte.

In Mainz spielte Steffens nun das erste Klarinettenkonzert von Carl Maria von Weber. Offenbar unterhält der Dirigent noch eine sehr intensive Beziehung mit seiner „ersten Liebe“, denn sein Spiel stand dem anderer Solistenkollegen in nichts nach. Im Gegenteil: Virtuosität, kraftvoller Ton, federnde Läufe – von der drückenden Dunkelheit bei Dvořák war bei von Weber nichts mehr zu spüren. Perfekt aufeinander eingespielt musizierten Orchester und Solist, dessen Leichtigkeit zuweilen einen inspirierten Gout von jazzigem Klezmer bekam. Das Publikum quittierte dieses Wiederaufflammen der „ersten Liebe“ denn auch mit anhaltender Begeisterung.

Den Abend beschloss die Staatsphilharmonie mit der „Jupiter-Sinfonie“ Nr. 41 in C-Dur (KV 551) von Wolfgang Amadeus Mozart. Hier überzeugte Steffens mit einer originellen Idee: Nicht im Klangvolumen, wohl aber in der Idee musizierte man eher kammermusikalisch. Und wie beim Kochen, wo Reduktion den Geschmack intensivieren kann, gelang den Künstlern eine äußert transparente Wiedergabe, was vor allem dem Finale mit seiner verschachtelten Themenvielfalt zugutekam.

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