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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Musik atmet Weite

MAINZ (16. April 2016). Langsam neigt sich die laufende Saison der Meisterkonzerte ihrem Ende entgegen. Im vorletzten, das die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Karen Kamensek musizierte, begrüßte man als Solist (anstelle der angekündigten Alisa Weilerstein) den rumänischen Cellisten Andrei Ionita. Er spielte das a-moll-Konzert op. 129 von Robert Schumann (1810-1856).

Der Komponist sprach seinerzeit von einem „Konzertstück mit Orchesterbegleitung“ und wies dem Soloinstrument damit seine exponierte Rolle zu. Ionita griff dieses Dictum dankbar auf: Mit kantablem, warmem Ton und apartem Schmelz schmiegte er sich in das passgenaue Spiel des Tutti, um dann umso strahlender im Solo hervorzutreten.

Beeindruckend die Präsenz des Künstlers in jeder Lage: Vor allem in den Höhen hatte Ionitas Spiel die Leichtfüßigkeit und Eleganz eines Geigers. Doch liegt ihm auch der legere Ton eines Jazz-Bassisten, wie er in der zweiten Zugabe zeigte: In „Tschonguri“ des georgischen Komponisten Sulkhan Tsintsadze (1925-1991) sprang er im rasanten Pizzicato munter von Saite zu Saite.

Wie üblich spielte das Orchester vor dem Solostück und der ausladenden Sinfonie nach der Pause eine Ouvertüre – an diesem Abend nicht nur im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich, nämlich „Die Hebriden“ von Felix Mendelssohn (1809-1847). Obwohl Titel und Umstände der Entstehung – Opus 26 wurde inspiriert von Eindrücken einer Schottlandreise im Jahr 1829 – dies nahelegen, hört man hier keine plakative Programmmusik, sondern impressionistische Augenblicke, die Mendelssohn in die musikalische Form der Ouvertüre gegossen hat.

Natürlich drängten sich auch in Mainz Bilder von wogenden Wellen auf – nicht umsonst forderte der Komponist von seinem Werk, es solle „nach Salzluft, Lebertran und Möwen schmecken“. Karen Kamensek inspirierte den Klangkörper jedoch dazu, durch eine gezügelte Dynamik die Musik selbst eine unglaubliche Weite atmen zu lassen. Das Orchester überzeugte dabei mit kammermusikalischer Transparenz.

Da der Beruf des Dirigenten noch immer eine fast ausschließlich mit Männern besetzte Domäne ist, reizt es natürlich zu erwähnen, dass mit Karen Kamensek eine Frau am Pult stand. Aber eigentlich sollte man dies kaum hervorheben, geht es doch nicht um Gleichberechtigung, sondern um die Musik! Unterschiede waren nicht zu hören (und höchstens an der Kleidung auszumachen).

Kamenseks Dirigat ist rund und weich, das Ergebnis ein ebensolcher Klang. Die F-Dur-Sinfonie von Johannes Brahms (1833-1897) ging die Amerikanerin mit flottem Tempo an, wobei ihr die Musiker symbiotisch und äußerst akzentuiert folgten. Das folgende Andante geriet mit traumhaft ineinanderfließenden Registern und einem ätherischen Schlussakkord, dessen Zartheit auch das lyrisch-eindringliche Allegretto des dritten Satzes bestimmte, bevor das Orchester im finalen Allegro mit seiner eigenwilligen Rhythmik noch mal zur großen Geste ausholte.

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