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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Magier am Steinway

MAINZ (8. April 2017). Steht auf eine rhetorische Frage die Antwort eigentlich schon fest, fällt in der Pause des jüngsten Mainzer Meisterkonzertes die Replik auf „Hast Du so was Tolles erwartet?“ anders aus: „Absolut.“

Die Rede ist vom Auftritt des weltweit gefeierten Pianisten Fazil Say, der eben mit dem SWR Symphonieorchester das g-moll-Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns gespielt hat. Der Befragte war sich offenbar sicher, was er an diesem Abend erleben würde: einen brillanten Künstler, dessen Finger nur so über die Tasten fliegen, der in die Musik eintaucht, sie auf einzigartige Weise zum Leben erweckt – kurz: einen Magier am Steinway.

Denn nichts anderes ist der 1970 in Ankara geborene Fazil Say: Sanft ist sein Anschlag, doch er kann den mit ihm musizierenden Klangkörper auch mit großer Geste quasi „an die Wand spielen“, indem er seine Kadenz zu symphonischer Größe steigert. Dann perlen die Läufe wieder schwerelos, als wären sie kristallklares Wasser – die Virtuosität, mit der Say dem Allegro scherzando des zweiten Satzes eine geradezu ironisch-swingende Note schenkt, ist unglaublich fesselnd. Der Pianist spielt dabei nicht nur mit den Händen: Durch wohldosierten Pedaleinsatz bekommt der Klang fast schon etwas Dreidimensionales.

Erwähnenswert sind auch die beiden Zugaben, denn nach einer Eigenkomposition, die mit orientalischer Verzierung und händisch gedämpfter Pianosaite spielt, kommt die eigentliche Überraschung: ausgerechnet Mozarts „Alla turca“ aus KV 331, aber rasant verjazzt, dass einem zum Glück nur Sehen, nicht aber Hören vergeht. Erneut gibt es stürmischen Applaus – diesmal fast komplett stehend. In der Pause gibt Fazil Say Autogramme und manch Zuhörer ersteht gleich eine komplette CD-Kollektion.

Das Konzert wurde vom SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Michael Schønwandt mit Teilen aus Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“ und forschem Tempo eröffnet. Auch wenn durch derart „hohe Geschwindigkeit“ kompositorische Ideen zuweilen buchstäblich „unter die Räder“ gerieten, überwog letztendlich doch das haargenaue Zusammenspiel der einzelnen Register.

Nach dem Auftritt von Fazil Say stand die fünfte Sinfonie des Dänen Carl Nielsen und damit eines Landsmanns des Dirigenten auf dem Programm. Der führte seine Symphoniker kundig durch das vielschichtige Werk, das mit seiner Zweisätzigkeit nicht nur den gewohnten Aufbau der Sinfonie sprengen, sondern 1921 und 1922 auch die Eindrücke eines Weltkriegs verarbeiten wollte. Hier kam einem der Klangkörper bewusst bedrohlich nah – ein tonales Wogen, das trotz (oder gerade wegen) seiner rhythmischen Dissonanzen packte. Statt der 1922 in Kopenhagen durch diese Musik hervorgerufenen Tumulte im Publikum gab es in der Rheingoldhalle an diesem Abend einmal mehr begeisterten Applaus.

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