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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Elektrisierendes Spiel

MAINZ (28. April 2017). Welch ein Triumph, der im Finale der sinfonischen Vernissage „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski (1839-1881) mitschwingt – und welch einen Kontrast bildete dazu der Beginn des jüngsten Mainzer Meisterkonzerts, das die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von George Pehlivanian in der Rheingoldhalle gab: Da nämlich musizierte zunächst eine Kleinstbesetzung – ergänzt durch Einspielungen vom Band – die dritte Sinfonie des armenischen Komponisten Stepan Rostomyan (*1956).

Alles umgedreht also: die Sinfonie, die sonst den zweiten Teil des Abends füllt, zu Beginn. Nur rund 15 Minuten dauert das Stück, das in Gedenken an die schlimme Erdbebenkatastrophe 1988 im kaukasischen Spitak entstand. Mindestens 25.000 Todesopfer waren damals zu beklagen, Hunderttausende wurden obdachlos – und doch glomm im Grauen ein Hoffnungsfunken auf, kam es doch für die in der damaligen Sowjetunion liegende, zerstörte Stadt während des kalten Krieges erstmalig zu humanitären Hilfsleistungen aus dem Westen.

Schemenhaft legen sich die Klänge in Rostomyans Sinfonie übereinander, auch die musikalische Welt ist hier aus den Fugen geraten. In das Chaos tönen vom Band gesungene Gebete und Gesänge, die Stimmung ist sphärisch und kontemplativ. Wie eine Filmmusik, die einen düsteren Ort beschreibt, klingt das Spiel der Streicher und geht schließlich im Nichts auf – ein ergreifender Moment.

Ebenso dramatisch geht es weiter mit der „Spartacus-Suite“, die George Pehlivanian aus den beiden Ballett-Suiten von Aram Chatschaturjan (1903-1978) zusammengestellt hat. Kennt man von ihn vor allem mit dem berühmten „Säbeltanz“ aus dem Ballett „Gayaneh“, der im bekannten Billy-Wilder-Film „Eins, zwei, drei“ als Soundtrack erklingt, wird das Publikum an diesem Abend mit dem Gladiatoren Spartacus konfrontiert, dessen Sklavenaufstand im Jahr 71 v. Chr. blutig niedergeschlagen wurde. Hier ist es vor allem das Adagio vom Beginn der zweiten Suite, das berührt: Unglaublich lyrisch und zart spielen die Bläser, Pehlivanian lässt die Dynamik pulsieren und erschafft eine gedehnte Klanglichkeit mit ätherischem Schluss, bevor er den „Tanz der Gaditanerinnen“ aus der ersten Suite pfiffig zur jazzigen Musical-Szene formt.

Schließlich erklingt Mussorgski mit packend-präzisem Blech und elektrisierendem Spiel. Transparent im Gesamtklang und mit elegischen Holzbläsern führt der Dirigent seine Musiker mit großen Bögen – und damit die Zuhörer anschaulich durch die „Ausstellung“. Geradezu plastisch erklingen das neckische „Kükenballett“ und das hektische Gewusel auf dem „Marktplatz von Limoges“. Im erhabenen Finale, dem „Großen Tor von Kiew“, das wohlige Gänsehaut verursacht, erklingt übrigens keine Röhrenglocke, sondern eine echte, 400 Kilogramm schwere, was der Musik zusätzlich Authentizität verleiht.

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