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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Romancier auf vier Saiten

BUDENHEIM (31. Juli 2014). Eigentlich hätte zum dritten Konzert des Mainzer Musiksommers 2014 mit Ray Chen (Violine) der Pianist Sébastien Dupuis den Klavierpart spielen sollen – doch er erkrankte, so dass äußerst kurzfristig ein gleichwertiger Ersatz gefunden werden musste. Es gelang.

Mit Julien Quentin, der erst am Tag des Konzerts eingeflogen kam, spielte ein langjähriger Freund Chens. Und das hörte man: Nach kurzer Probe musizierten hier zwei Künstler, die bestens miteinander harmonierten und dem Publikum in Schloss Waldthausen einen unvergesslichen Konzertabend schenkten.

Würde Wolfgang Amadeus Mozart heute leben, er hätte sich nicht nur am Spiel Chens begeistert, sondern sich wahrscheinlich auch für die neuste Technik des Violinisten interessiert: Der Geiger benutzte keine gedruckten Noten, sondern spielte von einem Tablet-PC, der wie von Zauberhand „umblätterte“. So raffiniert wie der Fortschritt ist auch die musikalische Finesse Chens: Er spielt nicht nur brillant, sondern mit tiefem Verständnis der Musik. Da erklingt das Allegro aus Mozarts A-Dur-Sonate KV 305 federnd und fließend, gelingt gänzlich ohne Druck – die dennoch hörbare Ausdruckskraft kommt bei Chen von innen.

Der Künstler spielt nicht nur das Werk, er erzählt es geradezu als Romancier auf vier Saiten. Da passt die Kantabilität des zweiten Satzes bestens, in der Chen seiner Violine Töne entlockt, die fast schon an Gesang erinnern – eine Fähigkeit, die man bei den Streichinstrumenten ja eher der Gambe zuspricht. Im fein gestalteten Dialog mit dem ebenfalls herausragend einfühlsam musizierenden Julien Quentin paart sich hochkonzentrierte Präzision mit virtuosem und dabei doch legerem Spiel. In seiner A-Dur-Sonate hat Mozart darauf geachtet, dass beide Instrumente als gleichberechtigte Partner auftreten – vor allem an diesem Abend setzen die Künstler jenen Gedanken fesselnd in die Tat um.

Kam man Mozart hier schon äußerst nah, gelingt der Kunstgriff auch bei Pablo de Saraste. Der 1844 geborene und 1908 gestorbene spanische Violinist schrieb sich seine Stücke selbst und damit auf den Leib. Mit der hinreißend innigen Interpretation der „Habanera“ und der „Playera“ aus den „Danzas españolas“ und den „Zigeunerweisen“ brilliert Chen vor dem orchestral anmutenden Unterbau seines Partners am Steinway-Flügel, dass das Publikum schon nach dem ersten Stück mit Bravorufen jubiliert.

Im zweiten Teil dann ein Mammutwerk: Ludwig van Beethovens „Kreutzersonate“. Das Programmheft spricht von einer Dauer von etwa 40 Minuten, Chen und Quentin „nehmen“ das Stück in 36 Minuten und 28 Sekunden, ohne dass auch nur eine davon gehetzt klingt. Perfektion auch hier, doch das Spiel entdeckt die Musik gleichsam als „Work in progress“: Wer auf die Mimik Chens achtet, sieht das Leuchten in seinen Augen, wenn er im Klang schwelgt. Barocker Esprit im Adagio, stimmungsvolle Variationen im Andante und ein rauschendes Finale beendeten zweifelsohne einen der Höhepunkte des diesjährigen Musiksommers.

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