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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Dynamische Extreme

BUDENHEIM (29. Juli 2014). Musik ist eine Sprache, die überall von jedem verstanden wird und Grenzen mühelos überwindet. So überraschte es kaum, dass das Programm des Musiksommer-Konzerts von Shani Diluka, einer weltweit auftretenden Pianistin srilankesischer Abstammung, ebenfalls internationalen Flair atmete: Mit Werken von Frédéric Chopin (1810-1849), Edvard Grieg (1810-1849) und Ludwig van Beethoven (1770-1827) kam es in Schloss Waldthausen zu einem französisch-norwegisch-deutschen „Gipfeltreffen“ der musikalischen Art.

Nachdem ein kräftige Regenguss das Publikum schneller als sonst ins Schlossinnere getrieben hatte, wäre das berühmte „Regentropfen-Prélude“ aus Chopins Opus 28 sicherlich eine passende Ouvertüre gewesen, doch standen die wunderbaren Nocturnes 1 bis 3 aus Opus 9 auf dem Programm. Kraftvoll und mit großem Pedaleinsatz geht Diluka diese Werke an und reißt einen großen Kosmos der dynamischen Extreme auf, was phasenweise allzu wuchtig daherkommt. Dabei werden leider auch die zarten, empfindsamen Partien, denen die Pianistin mit innig empfundener Akribie nachspürt, vom rasch intonierten Crescendo wortwörtlich übertönt.

Irgendwann jedoch hat man sich daran gewöhnt, dass bei Shani Diluka an diesem Abend alles etwas lauter und pompöser daherkommt: Im schwebenden Rhythmus des Es-Dur-Nocturne hat man das Bild einer leichtfüßig wirbelnden Primaballerina vor Augen, in Nr. 3 staunt man über die Wucht der rasend-pulsierenden Basslinie. Weniger tänzerisch nimmt Diluka zwei Walzer aus Opus 69, darunter den berühmten „Abschiedswalzer“: Hier stören retardierende Momente bewusst die Dreiviertel-Seligkeit und geben der Musik eine ganz eigene, spannende Agogik.

Vor Chopins spannungsgeladener Ballade Nr. 1 g-moll op. 23, die die Künstlerin mit sinfonischer Geste spielt, stehen zwei lyrische Stücke von Grieg: sein Notturno op. 54 Nr. 4 und das Valse-Impromptu op. 47 Nr. 1. Da auch hier die Virtuosität das verträumte Element verdrängt, erinnern diese Binnenwerke vielleicht ein wenig zu sehr an ihre französische „Umklammerung“ durch Chopin: Hatte man Grieg einst vorgeworfen, er „norwegere“, könnte man durchaus von Dilkua sagen, sie „französiere“ beim Meister aus dem hohen Norden.

Der Witterung angemessen erklingen nach der Pause aus Debussys „Estampes“ das fernöstlich angehauchte „Pagodes“ und „Jardin sous la pluie“: Jene „Gärten im Regen“ lässt Diluka durch ihre Vorliebe für das Fortissimo in einem wahren Sturm versinken, womit sie jedoch gekonnt zu Beethoven überleitet. Seiner „Appassionata“ steht diese fast schon zornige Leidenschaft nämlich bestens zu Gesicht: Ergreifend dramatisch gelingt das Allegro assai des ersten Satzes, weit ausholend spielt die Pianistin die Bögen des Andante con moto und zeigt hier durchaus ihr Talent für dynamische Differenzierung, um dann im rasenden Allegro ma non troppo des Finales nochmals alles aus dem Steinway-Flügel herauszuholen.

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