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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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In allen Stilen zuhause

MAINZ (3. August 2014). Den vokalen Part des Mainzer Musiksommers gestaltete diesmal ein Ensemble, das in seinem Namen gekonnt mit Worten spielt: Die „Singphoniker“ gründeten sich 1980 in der Tradition der legendären Comedian Harmonists, haben sich jedoch statt auf „Mein kleiner grüner Kaktus“ und „Veronika, der Lenz ist da“ auf ein breit gefächertes Programm aus U- und E-Musik spezialisiert, um die Tradition deutscher vokaler Kammermusik für Männerstimmen zu pflegen.

Dementsprechend weit gespannt ist auch das Repertoire, aus dem sich das Programm „fragile“ speist, das die „Singphoniker“ in der Seminarkirche musizieren. Während wenige Meter entfernt auf dem Domplatz Wolfgang Niedecken mit BAP unplugged auftritt, ertönen im barocken Sakralbau ebenfalls Töne ohne Lautsprecher: Das Münchner Ensemble singt wunderbar homogen und transparent, wobei jede Stimme einem Orgelregister gleich seinen ganz eigenen Charakter hat, um im harmonischen Tutti zu einem faszinierenden Gesamtklang beizutragen.

In „fragile“ kombinieren die „Singphoniker“ die „Missa pro fidelibus defunctis“ von Pierre de la Rue (~1460-1518) mit einem Kaleidoskop moderner Musik von Kurt Weill über Knut Nystedt bis zu Peter Gabriel und Eric Clapton, um dem Hörer „für einen kurzen Moment – oder eine gefühlte Ewigkeit – die Last der Zeit von den Schultern zu nehmen und ihn himmlischen Sphären ein Stück weit näher zu bringen“, zitiert das Programmheft den Bass der Gruppe, Christian Schmidt.

Das gelingt bereits mit dem ersten Stück: Im Choral „Mein junges Leben hat ein End‘“, den der 1957 geborene Ludwig Thomas nach einer Melodie von Jan Pieterszoon Sweelinck, eines Komponisten des Frühbarock, stilecht komponiert hat, nimmt das Ensemble sein Publikum behutsam an die Hand. Die „Singphoniker“ fühlen sich in der Alten Musik hörbar wohl und gestalten vor allem die Messvertonung mit tief empfundenem Verständnis für die Klänge der Renaissance. Im Introitus wird ein Crescendo vor allem kompositorisch, nicht rein dynamisch verstanden und im weiteren Verlauf mag man sich am aufblühenden Klang kaum satthören. Die Mixtur aus Soli und Tutti hat bei den „Singphonikern“ einen ganz eigenen Schmelz, den man im aktuell blühenden Segment der A-cappella-Gruppen so packend nicht zu oft orten kann.

Da Fragen über die Vergänglichkeit und die Suche nach bleibenden Werten, denen sich das Ensemble in seinem Programm „fragile“ musikalisch stellt, immer wieder neu formuliert werden, wird die Missa de la Rues von moderner U-Musik flankiert, deren „U“ sich in der Interpretation der „Singphoniker“ jedoch schnell in ein „E“ verwandelt: Weills kämpferisches Brecht-Lied „Zu Potsdam unter den Eichen“, Gabriels „Here comes the flood“ und vor allem Stings titelgebendes „Fragile“ sind in Arrangement und Adaption dieser Stimmen weit mehr als stilistische Ergänzungen der Renaissance-Musik. Jedes Stück für sich genommen ist ein kleines Juwel, das sich im Ganzen zu einem klangvoll funkelnden musikalischen Collier fügt.

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