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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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EM-Gewinner der Herzen

MAINZ (9. Julis 2016). Ein flirrender Schnipselregen geht nieder auf das Publikum: „Hör auf dich zu wehren, das macht doch keinen Sinn. Du hast da noch Konfetti in der Falte auf der Stirn.“ Falsch: Die Sorgen- oder Zornesrunzeln, von denen Mark Forster da auf der Zitadellenbühne singt, sind gerade mal weggezaubert und einem seligen Lächeln gewichen: Außer dem Song „Chöre“ bringt Forster an diesem wunderbar lauen Sommerabend noch 19 weitere, die meisten vom jüngst erschienenen Album „Tape“.

Er hat noch einen Anschlusstermin, wird seinen WM-Song „Wir sind groß“ in einer gelungenen Unplugged-Version im „Aktuellen Sportstudio“ singen. Dort versenkt der Lauternfan im Duell mit Ralf Rangnick immerhin einen Ball in der Torwand und löst damit das Versprechen, das er seinen Mainzer Fans gegeben hat, ein. Doch auch einen Wortbruch hätten ihm diese locker verziehen, denn das Konzert ließ keine Wünsche offen.

„Willkommen zurück“, heißt es da, als Forster sich gemeinsam mit der „Königin der Schwermut“ direkt „Auf den Weg“ macht. Es ist „Was Ernstes“, das man hier hört, „Sowieso“ etwas mit „Stimme“, es gibt ein „Selfie“ mit „Natalie“ – „Bauch und Kopf“ sagen einem, es sei „Die beste Nacht“, von der man wünsche, sie solle „Für immer forever“ andauern, bevor die Band doch ihren „Karton“ packt und „Au revoir“ sagt – schließlich geht es ja noch „Weiter“ auf den Lerchenberg. Und für Forster selbst am Sonntag zum Endspiel nach Paris.

Nicht erst seit der EM kennt man ihn – aber eben den Song „Wir sind groß“: Die ersten Gitarrenakkorde unterlegten immer ein paar stimmungsvolle TV-Bilder vom Platz oder aus dem Fanblock, bevor der Ball über den Platz rollte. „Wir gewinnen alles und gehen k.o.“, singt Forster in einem Vers – fast schon prophetische Worte? Egal: „Wir sind Weltmeister“ freut sich der gebürtige Kaiserslauterner und mit ihm über 5.000 Fans auf der Zitadelle.

Was macht ihn so sympathisch, was seine Musik so mitreißend? Ist es die prickelnde Mischung aus Pop, House und Rap, die sich erfrischend jeder Zuordnung widersetzt? Ist es die einnehmende Art des Barden, der einen Bürojob an den Nagel hängte um seinen Traum zu verwirklichen (und somit für jeden Fan ein kleines Idol wurde)? Es ist wohl die Summe aus allem – nicht zuletzt aus den Botschaften, die Forster teils balladesk hinaussingt.

Auch wenn die Girlanden-Fontänen, die von sechs Nebelkanonen imposant in die Höhe geschossenen Dampfsäulen und die Bühnenscheinwerfer, die mit der untergehenden Sonne um die Wette leuchten, natürlich ihr Übriges dazu tun: Am Ende berühren einen am meisten die Gedanken, die Forster unterstützt von seiner fulminanten, siebenköpfigen Band (allen voran die „Horny Greenhorns“ samt Querflöte und Sousaphon) musikalisch vor seinem Publikum ausbreitet: Manche Lieder formulieren eigenes Denken und Fühlen, andere machen Mut, wieder andere schweifen umher und treffen einen an unvermuteter Stelle.

Kurz: Das diesjährige „Summer in the city“-Gastspiel von Mark Forster ist Musik für Seele und Beine gleichermaßen. Und es vereint das Auditorium zur großen Familie – nicht nur, als der Star seiner (anwesenden) Schwester Natalie das gleichnamige Liebeslied singt und die Geste überhaupt nichts Peinliches hat. Wie jene kleine Randbeobachtung: Da macht der kleine, aus Pfungstadt angereiste Elias dem wohl gleichaltrigen Leonard aus Aschaffenburg spontan auf dem Zehntel Quadratmeter einer umgedrehten Getränkekiste Platz – als Forster-Fan teilt man eben nicht nur die Begeisterung für dessen Musik.

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