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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wenn sich Virtuosität ein Bein stellt

KIEDRICH (17. August 2011). Die „Clavier-Übung, bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen fors Clavicimbal mit 2 Manualen. Den Liebhabern zur Gemüths-Ergötzung verfertiget“ von Johann Sebastian Bach – man kennt sie auch unter der BWV-Nummer 988 oder eher noch unter: „Goldberg-Variationen“.

Mit ihrer Wiedergabe gelang dem Pianisten Martin Stadtfeld 2003 ein brillantes CD-Debüt, wobei die Einspielung auch nach sieben Jahren noch Gültigkeit dokumentiert. Da sollte es doch ein doppeltes Vergnügen sein, diesen Künstler mit eben diesem Werk live zu hören. Indes: Das Konzert im Laiendormitorium von Kloster Eberbach war leider nicht die von Bach induzierte „Gemüths-Ergötzung“, sondern eine Wiedergabe der Goldberg-Variationen, bei der allzu viele Flüchtigkeiten im Spiel und metrische Unregelmäßigkeiten den Genuss über weite Strecken arg minderten. Was war los mit dem Pianisten? Von der Klasse früherer Auftritte war dieses Rezital jedenfalls meilenweit entfernt.

Egal, ob die Anekdote von der „Schlummer-Musik“, die Bach für den Grafen Keyserlingk komponiert haben soll, auch nur ein Körnlein Wahrheit enthält (das man kaum wird finden können…) – zum Einschlafen ist diese Musik keinesfalls: Bach zog in BWV 988 gleichsam alle Register und schuf eine Summe seines pianistischen Œuvres. Dass Stadtfeld dieses Erbe eigentlich anzutreten imstande ist, hat er nicht nur mit seiner Einspielung bewiesen; auch und gerade seine Herangehensweise mit origineller Okatvierung, in der die Basslinie auch mal über die rechte Hand springen darf, ist eigentlich eine pure Erfrischung, die zeigt, dass einem nicht nur der Exzentriker Glenn Gould einfallen sollte, wenn es um eine individualistische Adaption dieses Werkes geht.

An diesem Abend jedoch war ans Einschlafen auch aus anderem Grunde kaum zu denken: Martin Stadtfeld schien der Steinway zeitweise als Punching-Ball zu dienen, denn er nutzte kaum die Möglichkeiten zur dynamischen Abschattierung auch innerhalb der einzelnen Variationen. Stattdessen geriet das Fortissimo zu oft mit fast schon wütendem, verbissenem Druck und nur selten gönnte Stadtfeld seinem Publikum Passagen von kontemplativer Innigkeit.

Fraglos glückte ihm das in der traumversunkenen Variation Nr. 26, die atmosphärisch dicht gelang – doch war dies eher die Ausnahme in einer ansonsten zu oft wilden Hatz von enervierender Penetranz, die die ruhigen Tonläufe, wenn sie dem Pianisten denn doch mal einfielen, fast schon sonderbar fremd wirken ließ.

Dabei hatte Stadtfeld mit einer lang gezogenen, fast schon statisch verharrenden Aria begonnen und mit einer jovial-rustikalen ersten Variation vielversprechend angesetzt. Statt dann aber ein variationsreiches „Schlaflied“ gespielt zu bekommen kam man sich zuweilen vor wie nach dem Genuss eines Päckchens Reval ohne Filter und zehn doppelten Espressi…

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