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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Im Nachhall ertrunken

MAINZ (8. August 2012). St. Stephan und der Hohe Dom – sie sind die beiden bedeutendsten Gotteshäuser in der Landeshauptstadt Mainz. Was beide Kirchen leider ebenfalls eint sind die jeweils diffizilen akustischen Verhältnisse.

Nun sind diese Stätten des Gebets in erster Linie ebendies und keine Konzerthäuser. Dennoch werden sie gerne für musikalische Veranstaltungen genutzt, weswegen auch das Rheingau Musik Festival neben der Phönixhalle in Mainz auch die älteste gotische Hallenkirche am Mittelrhein mit ihren kunstvollen Kirchenfenstern aus der Hand Marc Chagalls als Aufführungsort ihrer Konzerte wählte.

In diesem Jahr waren mit dem Blockflötisten Maurice Steger sowie dem Ensemble The English Concert Meister des barocken Fachs zu Gast. Und allein die Akustik in St. Stephan verhinderte es mit Nachdruck, dass man davon allzu viel mitbekam. Unter anderem Werke von Georg Friedrich Händel (1685-1759), Giuseppe Sammartini (1695-1750) und vor allem Arcangelo Corelli (1653-1713) hätten den Künstlern eigentlich vielfache Möglichkeit zum Glänzen gegeben.

In Kenntnis der gespielten Stücke wusste man natürlich um den hohen Anspruch in puncto Virtuosität, Genauigkeit und Musikalität an die Interpreten – und in Kenntnis der Künstler des Abends wusste man auch, dass diese die geforderten Parameter eigentlich übererfüllen. Doch der Hall machte dem Genuss einen dicken Strich durch die Rechnung: In Händels Concerto G-Dur für Streicher und Basso continuo Opus 5 Nr. 4 (HWV 399) hörte man vor allem das Spiel der ersten Violine, während die zweifelsohne erbrachte Leistung auch der anderen Instrumentalisten im Hall versank. Einzig in den getragenen Sätzen deutete sich so etwas wie Durchhörbarkeit an; ansonsten verlangte es äußerste Konzentration, um die wattierte Transparenz zu orten – fast schon ein geistiger Kraftaufwand, der nichts mit echtem Genuss zu tun hat.

Schade war es hier vor allem um den Flötenton Maurice Stegers, denn auch das Spiel des gefeierten Virtuosen litt arg unter der Akustik: Die Verzierungen in Corellis Concerto e-moll Opus 5 Nr. 8 waren nur zu erahnen, Konturen wurden verwischt und als Zuhörer des Konzerts kam man sich vor wie der Betrachter eines äußerst filigran gezeichneten Gemäldes von Albrecht Dürer – nur dass dieses hinter einer dicken Milchglasscheibe hing und man selbst eine stark getönte Sonnenbrille trug.

Fraglos große Künstler in Mainz – leider nur am falschen Ort. Und so blieb dem, der an diesem Abend partout filigrane Barockklänge hören wollte, nach dem Konzert nur der Griff ins heimische CD-Regal. Oder man übt sich in Geduld und wartet bis zum 27. September, wenn der Deutschlandfunk einen Konzertmitschnitt um 21.05 Uhr im Festspielpanorama sendet: Dann wird man dank künstlernaher Platzierung der Mikrofone die Qualität des Abends sicherlich besser goutieren können.

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