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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wohlklang in Vollendung

MAINZ (14. August 2012). Der Dichter Erich Fried (1921-1988) hat die Liebe in seinen Versen treffend umrissen und lässt hier verschiedene Gefühle miteinander streiten: Unsinn und Vernunft, Unglück und Berechnung, Schmerz und Angst, Leichtsinn und Vorsicht, Wagemut und Erfahrung. Das Thema scheint in jeder Epoche brandaktuell, denn auch Poeten im England des 17. Jahrhunderts verschrieben sich der Liebe in all ihren Facetten: Glück und Enttäuschung, Kummer, Verlassenheit, Glaube, Hoffnung – und wie ein rotes Band windet sich stets die Melancholie als ein Wesenszug des damaligen Zeitgeistes durch die Verse.

Unter dem Motto „Loves Alchymie“ nahmen im vorletzten Konzert des diesjährigen Mainzer Musiksommers drei Künstler von höchster Güte ihr Publikum an der Hand, um gemeinsam die hohen Gipfel und tiefen Täler der Hingabe zu durchschreiten: Hille Perl (Viola da gamba) und Lee Santana (Laute) sowie die Sopranistin Dorothee Mields musizierten in der Seminarkirche und führten das Festival zweifellos zu einem Höhepunkt.

Denn der Gesang von Dorothee Mields, an dem man sich kaum satt hören mag, gleicht einem klangvollen Erzählen, das sich in jede Silbe der intonierten Poeme hinein zu fühlen vermag. So klingt in „Sorrow, sorrow stay“ von John Dowland (1563-1626) tiefe Hoffnungslosigkeit an: „No hope, no help” tastet sich die Melodie in der Dunkelheit der Verzweiflung voran: „Down, down, down, down I fall / And arise I never shall.”

Doch wie ein Lichtstrahl leuchtet der Sopran Mields‘ dagegen an, wenn sie zu den Klängen von Gambe und Laute ihre Stimme erhebt: Leichte Koloraturen, perfekte Dosierung von Timbre, Tremolo und Dynamik, ein Kunstenglisch, das köstlich zu hören ist auf dem flirrenden Spiel Santanas und dem kernigen Strich Perls – hier haben sich drei Künstler gefunden und schaffen gänzlich ohne Affekt und Pretiosen Wohlklang in Vollendung. Pathos entsteht einzig durch die Musik.

Mields verfügt dabei nicht nur über eine Stimme voller Anmut und Schönheit, die stets präsent selbst im schmalsten Pianissimo nicht erstirbt, sie besitzt auch die Gabe, höchste Kunstfertigkeit so einzusetzen, als koste es kaum Mühe und Kraft. Großes Talent schafft nicht selten Distanz zum Hörer – hier aber ist man ganz bei der Stimme, die mit Hingabe die Farben der Liebe besingt: Das Aushauchen des letzten Kusses in „The Expiration“ von Alfonso Ferrabosco (ca. 1575-1628) und John Donne (1572-1631), die tiefe Trauer über die zerbrochene Liebe bei John Wilson (1595-1674) oder der Verzweiflungsschrei nach dem „freundlichen Schnitter“ in „What greater Griefe“ von Tobias Hume (ca. 1569-1645).

Von ihm stammt auch „Death“ für Viola da gamba, das Hille Perl unglaublich dicht intoniert und im hauchdünnen Decrescendo das Lebenslicht zum Erlöschen bringt. So lassen einen auch die solistischen Stücke wie Ferraboscos Fantasia für Laute oder das bekannte „Greensleeves“ mit seinen von Perl und Santana schmuckvoll verzierten Variationen über die Unbeständigkeit jenes Glücks sinnieren: „Liebe, die wachsen kann und fließen, / darf auch verebben oder sich vergießen“, wie es bei Henry Lawes (ca. 1595-1662) heißt.

SWR2 sendet einen Konzertmitschnitt am 10. Dezember 2012 ab 20.03 Uhr.

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