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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Von der Muse geküsst

MAINZ (19. August 2015). Zum Glück gelingt es dem Mainzer Musiksommer immer wieder, die wirklich großen Stars der Vokalszene zu verpflichten: Nach ihrem Gastspiel 2010 stellte die Sopranistin Emma Kirkby in der ausverkauften Seminarkirche gemeinsam mit ihrem Lautenisten Jakob Lindberg diesmal ihr Programm „Die englische Muse” vor.

Von ihr wurde sie offenbar zärtlich geküsst und auch Dichter und Komponisten des 17. Jahrhunderts wie John Dowland oder Henry Purcell ließen sich gerne inspirieren. Dadurch schenkten sie der Musikwelt wunderbare vokale Kleinodien, die wir für Sängerinnen wie Kirkby geschrieben scheinen.

Anfangs braucht die Künstlerin ein wenig, um sich in die Akustik der Seminarkirche einzufinden, doch dann ist sie voll da: Stimme und Augen leuchten. Ihr Gesang balanciert auf einem straff gespannten Seil zwischen zwei Polen: Zum einen ist sie ganz bei ihrem Publikum, zum anderen schwebt sie in den Sphären jener Klänge, die sie mühelos aus der Vergangenheit in die Gegenwart zaubert.

Kirkby kommt in ein Alter, wo andere ihre solistische Karriere beenden (oder dies aus Gründen einer drohenden, eigenverantwortlichen Rufschädigung bald tun sollten) – ihre Stimme klingt indes wunderbar frisch, fast schon jugendlich. Statt eleganter Abendrobe trägt sie bequeme Alltagskleidung, denn ein affektierter Liedvortrag ist ihre Sache nicht – eher möchte sie mit federleichtem Sopran Geschichten erzählen: von Liebe und Leiden, Licht und Schatten.

Im solistischen Spiel Lindbergs fordert die introvertierte Zurückhaltung des Interpreten unbedingte Konzentration, um diese leise Laute zu hören. Doch die Versenkung lohnt sich. Er und Kirkby sind hörbar seelenverwandt. Und so, wie die Sängerin intoniert, erzählt auch Lindberg in den Solowerken von Dowland kleine Begebenheiten, Lieder ohne Worte. In einer Zeit, in der alles immer schneller, größer und lauter wird, schenkt dies langsame, kleine und leise Momentaufnahmen zeitloser Musik.

Und das ist es auch, was diesem Abend seine ergreifende Klasse gibt: Man hört die englischen Texte transparent deklariert, denn die Musik ist spürbar Kirkbys Muttersprache. Wenn sie von erfüllter oder enttäuschter Liebe, von Göttern und Schäfern singt, dann meint man, sie erzähle selbst Erlebtes. Ein Besucher hört mit geschlossenen Augen und seligem Lächeln zu, der Gesang der Künstlerin trifft ihn offenbar mitten ins Herz.

Kirkbys Stimme ist kraftvoll, doch schwerelos; Gestik wie Mimik sind wohldosiert und wirken spontan, aus dem Augenblick heraus geboren. Man erlebt kleine Dramen, wenn sie „Ariadne’s Lament“ von Henry Lawes intoniert, hört das kecke Bekenntnis einer jungen Dame in John Eccles „Relieve“ und ein inniges Gebet von Pelham Humphrey. Alles klingt vollkommen unprätentiös, als hörten Kinder ein Wiegenlied. Dadurch entsteht eine musikalische Authentizität, die ihresgleichen suchen kann. Wenn es darum geht, Alte Musik wie neu klingen zu lassen, sollte sie von Emma Kirkby gesungen werden. Und das hoffentlich noch viele Jahre.

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