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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Krone aus goldenen Tönen

MAINZ (9. August 2015). Ein Wort kommt einem an diesem Konzertabend, zu dem der Mainzer Musiksommer in die Seminarkirche geladen hat, in den Sinn: Labsal. Zugegeben ein altertümlicher Begriff, dessen Pendant die vielleicht noch etwas gängigere Wendung Mühsal ist. Doch diese Musik, die das Vokalensemble „Profeti della Quinta“ intoniert, ist das genaue Gegenteil: Nach einem anstrengenden Wochenende mit neuen Hitzerekorden erfährt die aufgewühlte Seele hier tatsächlich: Labsal.

Auf dem Programm des Quintetts stehen Werke der Renaissance – Claudio Monteverdi und Carlo Gesualdo da Venosa sind noch die bekannteren Namen. Der Akzent liegt eher auf der Entdeckung des Unbekannten, auf Tonmeistern des 16. Jahrhunderts: Luzzascho Luzzaschi, Scipione Lacorcia, Allessandro Piccinini und Salomone Rossi.

Mit letzterem schafften die „Profeti della Quinta“ ihren internationalen Durchbruch, indem sie die Musik des hebräischen Komponisten erstmals auf CD bannten. Und da ist auch Cipriano de Rore, dessen 500. Geburtstag man in diesem Jahr feiern würde, wenn die Musikwelt ebenjene Epoche aktuell nicht etwas aus den Augen verloren hätte. Die „Profeti della Quinta“ erinnern an diesen Künstler mit zwei Vokal- und Instrumentalwerken.

Solistisch und als Liedbegleiter wirkt der Lautenist Orí Harmelin, dessen filigran-transparenter Anschlag aufhorchen lässt. Man wünschte sich einen eigenen Konzertabend mit diesem sensiblen Musiker, hat sein kunstvolles Spiel doch auch etwas Lebendig-Musikantisches. Doch er steht etwas im Schatten der fünf „Profeti della Quinta“: Bass und Ensemblegründer Elam Rotem, die Tenöre Lior Leibovici und Dan Dunkelbaum sowie die Countertenöre Roman Melish und Doron Schleifer. Vor allem letzterer gibt dem Ensemble einen wunderbar lichten Glanz, setzt dem Gesang gleichsam eine strahlende Krone aus goldenen Tönen auf, die der vokale Klangkörper mit Würde und selten gehörter Homogenität zu tragen versteht.

Die fünf Männer musizieren in wechselnder Besetzung, Rotem spielt bei Monteverdi und Rossi das Cembalo. Doch egal, welche Register gezogen werden: Der Klang ist von einer so berauschenden Schönheit, dass man Zeit und Raum darüber vergisst. Perfekt schmiegt er sich in die Akustik der Seminarkirche, pointierte Dynamik und perfekte Diktion prägen den Duktus, mit dem die „Profeti della Quinta“ Alter Musik neues Leben einhauchen. Das Ziel jener Epoche, Text auch durch Musik auszudrücken, hat man stets im Blick.

Was vor allem unangestrengt geschieht: Die aus Israel stammenden Sänger verstehen es sogar, in Monteverdis „Bel Pastor“ und dem „Lamento d’Arianna“ sowie in Rossis „Pargoletta, che non ai“ dem musikalischen Vortrag mit Mimik und Gestik das Plastische einer Oper zu schenken. In Luzzaschis „Deh, non cantar“ heißt es: „So viel Süßigkeit träufelt mir Dein Gesang ein, dass ich mich fühle, als sei ich schon im Paradies“ – als hätte der Dichter dieses Konzert gehört.

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