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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Filigrane Feinheit

MAINZ (31. Juli 2016). „Im Grunde genommen handelt es sich bei einem Countertenor um einen Sänger, der sich entschieden hat, mit einem männlichen Körper einen als weiblich geltenden Klang zu erzeugen. Natürlich findet das besondere Beachtung“, beschreibt der amerikanische Musikpädagoge David L. Jones ein stimmliches Phänomen, das vor Jahren noch Verwunderung auslöste, verband man mit ihm doch automatisch die Kastratenstimme. Das Organ von Countertenören entspricht dieser jedoch weder in Klang noch Umfang.

Countertenöre sind in der heutigen Vokalszene mittlerweile Alltag: Sogar Chöre bedienen sich der besonderen Stimmfärbung, um damit ihr Altregister entsprechend zu gestalten. Hatten solche Künstler früher noch etwas Exotisches, zeichnen sich die heutigen Talente oft durch einen besonders gefälligen Belcanto aus – wie der italienische Sänger Raffaele Pe: Gemeinsam mit dem Ensemble „La Venexiana“ gab er jetzt im wundervollen Ambiente der Seminarkirche ein Konzert mit Kantaten von Georg Friedrich Händel, Alessandro Scarlatti und Giovanni Battista Bononcini.

Wer in den Annalen des mittlerweile zum 16. Mal stattfindenden Mainzer Musiksommers blättert, dem fällt auf, dass hier bis dato tatsächlich noch nie ein Countertenor oder Altus zu hören war. Das liegt zum einen an der Kostenintensität dieser exklusiven Künstler, zum anderen aber auch daran, dass sie nicht immer gleichzeitig mit einem Ensemble zu haben sind, mit dem sie so perfekt harmonieren wie Pe mit „La Venexiana“: Der Sänger und die fünf Musiker bilden eine so geschmackvolle Einheit, dass die Stimme sich fast schon als sechstes Instrument einfügt – vor allem in den Pianostellen war dies deliziös zu hören.

Mit Antonio Vivaldis „La Follia“ und Händels Triosonate in g-moll (HWV 393) musizierte „La Venexiana“ rein instrumental und gerade in den agogisch gezügelten Partien gefiel das Ensemble aus Italien mit einem äußerst cremigen Klang, aus dem die hohen Streicher wie Leuchtspuren hervortraten. Bei den Variationen Vivaldis ergänzten sich elegisches Spiel und rasante Virtuosität gefällig – stellvertretend sei hier der hochvirtuos musizierende Cellist Antonio Papetti besonders gelobt.

Die Kantaten boten Raffaele Pe ausladend Möglichkeit, sein Können unter Beweis zu stellen: Schlank in der Koloratur, deren Lauf er durch genaue Diktion des Italienischen zusätzlich Kontur verlieh, und mit schwebender Brillanz im Kern erzählte der Sänger von Liebe und Schönheit sowie (bei Händel wörtlich) von Qual und Eifersucht, Verachtung, Leid und Schmerz.

Dabei fiel auf, dass der Künstler sowohl Mimik als auch Gestik fein dosiert: Eine solch große weil unmittelbar berührende Stimme bedarf wahrlich nicht des besonders betonten Affekts. Einzig ein sparsam und damit umso wirkungsvoller eingesetztes Tremolo verwendet Pe neben einer engagierten Dynamik als Stilmittel. Wer dem Künstler beim Singen in die Augen blicken konnte, merkte, dass dieser genau weiß, wovon er singt – und das nicht nur, weil er es in seiner Muttersprache tut. Wer weiter hinten saß, konnte dies zweifelsohne hören.

SWR2 sendet einen Mittschnitt dieses Konzerts am 11. Februar 2017 ab 20.03 Uhr (Frequenz in Mainz: 92,0/103,2 MHz).

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