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Die Schönheit eines oktavierten Tons

MAINZ (25. Juli 2018). Auch wenn ganz Mainz und seine Grünanlagen nach dem Regenguss am späten Mittwochnachmittag mal für einen Moment durchatmen durften: Richtig nachhaltig war der Guss, der da vom Himmel kam, nicht. Wer nach diesem heißen Tag jedoch richtig entspannen wollte, dem bot das zweite Konzert des Mainzer Musiksommers in St. Ignaz die perfekte Gelegenheit dazu: Zu Gast waren die vier Herrn von „New York Polyphony“ und damit eines der wohl besten Vokalensembles der Welt.

Mit seinem Programm bewegt sich das Quartett auf einem spannenden Zeitstrahl und auch inhaltlich verbinden sie das gestern und heute, steht die sorgfältig komponierte Werkfolge doch unter dem Thema „Early Music, Modern Sensibility – Alte Musik und modernes Empfinden“. Man hört Mariengesänge, Vertonungen des Hohelieds der Liebe, gesungene Vaterunser, Psalmen und Hymnen, dabei den Romantiker Anton Bruckner, Meister der Renaissance wie Francisco Guerrero, John Plummer oder Adrian Willaert sowie die zeitgenössischen Komponisten Ivan Moody oder Andrew Smith.

Und bei jedem Stück ist es wie bei einer gerade angeschlagenen Stimmgabel, bei der der Ton unmittelbar in Schwingung gerät: Auch hier ist von der ersten Note eine Spannung zu spüren – zu hören indes kaum, denn der Gesang von „New York Polyphony“ wirkt vollkommen gelöst, wie selbstverständlich. Seine Wirkung jedoch ist beachtlich: Malt beispielsweise das Hohelied der Liebe schon im Wortlaut starke Bilder, erweckt die Komposition sie zu einem Leben, dessen Intensität von den vier Männerstimmen mit satten Klangfarben nochmals gesteigert wird. Das Crescendo im letzten Wort von Moodys „Canticum Canticorum““ mit seinen an Arvo Pärt erinnernden Miniatur-Clustern im Mittelteil geht einem im besten Sinne durch Mark und Bein. Und auch das textbezogene Spiel mit Harmonie und Dissonanz im Psalm 22 des finnischen Komponisten Cyrillus Kreek bleibt einem noch lange im Gedächtnis.

Countertenor Geoffrey Williams, Tenor Steven C. Wilson, Bariton Christopher Herbert und Bass Craig Phillips verfügen bereits jeder für sich genommen über ein wundervoll anzuhörendes Organ – wenn sich die Stimmen dieser Herren jedoch zum gemeinsamen Klang finden, entsteht schlicht Großartiges. Und ganz nebenbei auch eine Lehrstunde im Ensemblegesang: Keiner drängt sich in den Vordergrund, es sei denn, die Komposition verlangt es von ihm. Unglaublich energiegeladen steht der Ton im für diese Musik perfekt gewählten Kirchenraum von St. Ignaz und man darf erleben, wie unglaublich schön allein eine so derart sauber intonierte Oktave klingen kann.

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